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Verschlossene Seele Ein Interview mit Gabi Lummers (P&P) Bitte stell dich unseren LeserInnen kurz vor. (Gabi Lummas) Ich bin Gabi Lummas, 44 Jahre alt und in Hamburg geboren. Von Beruf bin ich G?tnerin und Erzieherin, ich lebe zur Zeit in Bayern. Erz?le uns doch bitte, wie du als Kind aufgewachsen bist. Ich lebte von Geburt an in Kinderheimen. Mit 5 Jahren kam ich in eine Pflegefamilie, in der ich drei Jahre lebte. Da ich mich in dieser Zeit auch F? Au?nstehende sehr stark ver?derte, wuchs in mir der Wunsch, diese Familie zu verlassen. In meiner ?M?delakte? steht, dass ich in den ersten f?f Jahren ein sehr fr?liches Kind war, leicht Kontakte zu anderen Menschen bekommen habe. Sp?er stand dann in der Akte, dass ich ein ??rst schwieriges Kind war, das Kontaktprobleme hat und total isoliert ist. Offenkundig habe ich mir dann gesagt: ?Ich gehe lieber wieder ins Heim, damit ich noch wei? dass ich existiere?, so misshandelt und isoliert muss ich mich gef?lt haben. Ich hatte ja im Grunde mein Wesen in dieser Pflegefamilie total ver?dert. Ich kam dann in ein ?ergangsheim und wurde von einem Psychologen wegen meiner Verhaltensweisen begutachtet. Er stellte fest, dass ich F? mein Alter viel zu isoliert und versch?htert war und riet von einer weiteren Unterbringung in einer Pflegefamilien dringend ab. Dennoch wurde ich bereits nach vier Wochen in eine weitere Pflegefamilie vermittelt. Ich blieb dort ein Jahr, dann war die ?erforderung dieser Familie durch meine Verhaltensweisen so gro? dass ich wieder in ein Heim musste. Was war in der ersten Familie passiert, was erinnerst du? Ich erinnere so gut wie nichts. Ich kann erste Szenen erinnern, wie ich im Haus der Familie in der Sandkiste sitze und bei mir ein Hund als ?Gespr?hspartner? ist. Weitere Szenen, an die ich mich erinnere sind, dass ich unter der kalten Dusche stehen musste und mit der Hundepeitsche geschlagen wurde. Im Mahagonibett meiner Pflegeeltern musste ich Spagat machen, was sehr schmerzhaft war. Sonntags sollte ich immer meine Fingern?el zeigen. Da ich an ihnen kaute bis es blutete, bekam ich dann immer mit einem Kartenstapel auf die wunden Fingerkuppen geschlagen. Au?rdem erinnere ich, dass unsere Nachbarn einen Swimmingpool hatten und ich da fr?er in Unterhosen spielte. Das wurde dann pl?zlich tabu, weil man die Striemen auf dem R?ken sah. Ich litt unter totalem Liebesentzug. Sp?er kam dann mein Entschluss, aus dieser Familie heraus zu wollen. Au?r den wenigen oben beschriebenen Szenen erinnere ich nichts mehr, ich habe ?er weite Strecken eine Amnesie, denn ich erinnere mich nicht einmal mehr, wie diese Pflegeeltern ausgesehen haben, ich k?nte sie als T?erInnen vor Gericht gar nicht identifizieren. Von der Schule wei?ich gar nichts mehr. Ich kann auch heute hochkommende Gef?le nicht mit Erinnerungen aus der damalige Zeit reaktivieren, es liegt alles total im Dunkeln. Stammen diese Schilderungen aus deiner Erinnerung, aus Erz?lungen oder Dokumenten? Aus beidem. Ich habe diese wenigen Szenen vor Augen, habe aber sp?er meine Jugendamtsakten gelesen und dadurch meine Erinnerungen ?erg?zt?. Ich bin vor einiger Zeit zu dem Haus der ersten Pflegefamilie gefahren und habe Haus und Garten so wieder gefunden, wie ich es als Bild vor Augen hatte. In einem Bericht aus der Heimakte stand, dass ich stark onanieren w?de, woraus man schlie?n k?nte - so die Auffassung der Pflegeeltern - dass sp?eres Fehlverhalten im sexuellen Bereich zu erwarten ist. der Pflegeltern stand, dass ich massiv onaniert haben soll und dass zu bef?chten ist, dass ich sp?er ?sexuelles Fehlverhalten? zeigen werde. Au?rdem sollen sie berichtet haben, dass ich erz?lt h?te, dass ich in dem Heim, in dem ich war, bevor ich zu den Pflegeeltern kam, geschlagen, geknebelt und gefesselt worden sein soll. Ich vermutet aber, dass das nicht stimmt und dass das vielmehr in der Pflegefamilie geschehen sein muss. Ich halte das F? eine Art Absicherung der Pflegeltern F? den Fall, dass ich einmal von den Geschehnissen in ihrem Haus erz?le. Sie k?nen dann argumentieren, dass diese Vorf?le passiert sind, bevor ich zu ihnen kam. Damit w?en sie fein aus der Sache heraus. Andererseits macht das gar keinen Sinn, wenn man bedenkt, dass ich auf eigenen Wunsch von dieser Familie weg gegangen war und dann von dort ja vermutlich in dieses vorige Heim h?te zur?k gehen m?sen. Welches Kind geht freiwillig an den Ort der Misshandlung zur?k ? Welche Gef?le verbindest du mit der Zeit deiner ersten acht Lebensjahre? Aus der Zeit bevor ich zu der Pflegefamilie kam wei?ich ?erhaupt nichts und habe auch keine Gef?le dazu. Als ich sp?er aus der ersten Pflegefamilie abgeholt wurde, war das Einzige, was mich traurig gemacht hat, den Hund zu verlassen. Als ich dann das Gespr?h mit dem Psychologen hatte, habe ich zu dem gesagt: ?Ich komme mir vor wie ein Brief: Abstempeln und dann zum n?hsten Ort!? Ich habe mir Fragen gestellt: ?Wer bin ich??, ?Warum habe ich so etwas wie eine Familie nicht?? und ?Wieso lebe ich ?erhaupt??. Nach vier Wochen kam ich dann in die n?hste Pflegefamilie und aus dieser Zeit erinnere ich ALLES! Ich habe Angst gehabt, ich habe nachts ins Bett gemacht und die Bettw?che abgezogen usw. Wann fingen die Selbstverletzungen an? Ich erinnere nicht genau, ob ich in der ersten Pflegefamilie schon regelm?ig an den N?eln gekaut habe, ich wei?nur, dass mir auf die Finger gehauen wurde, wenn sie kurz waren. Aber ich erinnere konkret, dass, nachdem ich nach der zweiten Pflegefamilie wieder ins Heim gekommen war, die Selbstverletzungen anfingen. Zu dieser Zeit war ich neun Jahre alt. Das wei?ich konkret aus einem Bericht eines Erziehers, der mir F? das Gericht eine Erinnerungsmitteilung geschrieben hatte und berichtete, dass ich mich stundenlang ins Klo eingeschlossen habe, total ?dicht? war und keinen an mich rangelassen habe. Damals fing ich ganz extrem an mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, mir die Haare auszurei?n, N?el zu kauen etc. Glaubst du, dass du in Situationen, in denen du mit emotionalen Zust?den nicht zurecht gekommen bist, die Selbstverletzungen ausge?t hast, um ?Druck abzulassen? oder wolltest du auf dich aufmerksam machen? Dieses Verhalten hat sich dann im Laufe der Jahre noch
verst?kt, vor allem dann, wenn irgend etwas (Belastendes) kam, dann wusste
ich wohl, was zu tun ist, um mich von diesem Druck zu entlasten. Die Erzieher
im Heim haben schon gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ein Erzieher hat
mich darauf auch einmal angesprochen, weil er mich erlebt hatte, wie ich ganz
abwesend war und mit verdrehten Augen v?lig in mich gekehrt auf dem Bett sa?
Ich hatte das Gef?l, dass immer wenn ich etwas ?Verbotenes? tue Gibt es F? dich einen Unterschied zwischen N?elkauen und Selbstverletzung? Das kann ich gar nicht sagen. N?elkauen war sicherlich auch eine Selbstverletzung, da konnte ich massiven Druck ablassen, aber ich war mir dessen nicht bewusst! Du hast vorhin erz?lt, dass du bei den Selbstverletzungen v?lig abwesend warst. Glaubst du das passierte in einem Trancezustand oder hattest du das Gef?l, aus deinem K?per ?auszusteigen?, dich abzuspalten? Das war eher eine Art Abspaltung, denn in dem Moment, in dem ich mich selbst verletzt habe, war das v?lig o.k. und angemessen F? mein Gef?l. Stunden oder einen Tag sp?er dann, wenn ich mir bewusst wurde, was ich gemacht hatte, habe ich mich entsetzlich damit gef?lt und mich abgrundtief daf? gesch?t. Ich h?te im Boden versinken k?nen! Ich hatte das Gef?l, es m?ste jemand anderes als ich selbst sein, der diese Selbstverletzungen durchgef?rt hat. In der Situation selbst war ich mir nicht bewusst dar?er, was ich tue. In dem Moment als ich das gemacht habe, war ich v?lig ?erzeugt davon, dass es das einzig Richtige und Ad?uate ist, was ich tun konnte. Ich konnte mich in die Aggression massiv reinsteigern, sp?er bekam ich vor diesen Zust?den richtig Angst. Ich denke heute, dass das eine Art ?Programmierung? ist, die mich daran hindert, das auszusprechen, was ich nicht aussprechen darf. Ich verletze mich selbst und dann k?mern sich alle um das, was da passiert ist und nicht darum, woher das kommt, dass ich mich so verletze. Man klebt mir Pflaster auf und muss nicht nach den Ursachen forschen. Bevor das mit den Selbstverletzungen losging, erlebte ich meist Gef?le, die waren so real, dass ich glaubte, es passiert mir jetzt in diesem Augenblick. Es gab nur sehr heftige Gef?le, aber keine Bilder dazu -wahrscheinlich w?de ich sterben, wenn ich noch die Bilder dazu h?te. In diesem Moment verletzte ich mich dann um diese grausigen Gef?le nach ?Au?n? zu bringen, stimmig oder transparent zu machen, aber auch um aus diesem Zustand heraus zu kommen. Nicht ?abzudriften?, den Druck raus zu lassen damit das innere ?Leiden und Bild? transparent und sichtbar F? die ?Au?nwelt? wird und nicht nur noch verr?kt zu sein oder was auch immer. Ich hatte dann das Gef?l, ich habe mich ?geerdet? damit ich mich nicht aufl?e oder sterbe. Welche Formen der Selbstverletzung hast du dir zugef?t? Ich habe mir mehrere Injektionsnadeln in den Arm gespritzt und sie dann abgebrochen, ich habe ?zende Putzmittel, Tabletten, jeglicher Art und Entf?ber geschluckt. Ich konnte Rum trinken ohne Ende, habe Wunden offen gehalten und vieles mehr. Gibt oder gab es daf? einen oder mehrere konkrete Ausl?er, die du beobachten konntest, Z.B. eine konkrete Situation, bestimmte Handlungen, Erlebnisse etc., die dann die Selbstverletzung zur Folge hatten. so genannte Ausl?er kann ich nicht erinnern. Es ist eher so, dass ich ein ?inneres Bild? wiederholte oder nach au?n zeigte. Ich will ein Beispiel geben. In meinem inneren Erleben gab es nur offene Wunden und schwere Verletzungen. Das musste sich nach au?n zeigen, weil alle Welt immer dachte und denkt, ich bin gut drauf und super angepasst. Mit dieser ?Sprache? habe ich versucht das zu zeigen, was wirklich in mir los ist. Dann habe ich mich selbst verletzt, was dazu f?rte, dass Verletzungen und Schnittwunden durch ?zte immer wieder zugen?t wurden. Das war wie eine Art Grenzverletzung, weil sie meine Wunden ?zugedeckt? haben, statt nach ihnen zu fragen. Ich dachte: ?Ihr k?nt diese Wunden doch nicht einfach zumachen! Ich will euch damit doch etwas von mir zeigen...? Wie f?lt e sich dein K?per nach diesen Verletzungen an? Hast du etwas gesp?t? Hat es dir weh getan? Bis zu der Entscheidung, dass ich den Selbstverletzungen auf den Grund gehe, konnte ich meinem K?per alles antun, der reagiert eh nicht. In der Literatur wird oft beschrieben, dass Frauen, die sich selbst verletzen, z.B. das Gef?l haben, dass sie noch leben wenn Blut flie?. War das bei dir auch so? Nee, ?erhaupt nicht. Mit dem Bluten hatte das nichts zu tun. Wenn mir schon das Reden verboten wurde ? musste ich wenigsten etwas anderes tun, denn gar nichts machen ging nicht, irgend etwas musste ich tun. Es musste genau so geschehen und ich hatte eher das Gef?l, dass ich mein inneres Bild nach au?n hin ausdr?ken wollte, ich aber merken musste, dass der K?per gar nicht so reagiert, wie ich das hoffte. Kann es auch so eine Art Selbstbestrafung gewesen sein? Das war noch gar nicht in der Bewusstseinsebene angekommen, dass ich mich bestrafen wollte, das war nicht bedeutsam, mir ging es nur darum diese schrecklichen Gef?le nach au?n zu tragen, F? Andere sichtbar zu machen. Selbstverletzenden Verhalten wird auch als Ventilfunktion beschrieben um ?Druck abzulassen?, wenn Menschen sich ?erfordert f?len, zu viel Stress haben, emotional sehr stark belastet oder regelrecht ?erflutet sind und mit der Situation nicht mehr zu recht kommen. Trifft das auch auf deine Situation zu, dass du Druck ablassen wolltest, weil in dir etwas ?brodelte? und ?kochte?, das du nicht benennen konntest? Ja. Hast du deine Verletzungen andere sehen lassen oder sie verheimlicht? Ich habe sie immer total verheimlicht und mich entsetzlich daf? gesch?t. Wie hast du das erreicht, dass niemand das sehen Ich habe immer Geschichten erfunden, wie es passiert sein konnte. Aber das lief gar nicht ?er den Kopf, diese Erkl?ungsgeschichten kamen aus meinem Bauch heraus, ohne, dass ich dar?er nachgedacht habe. Bist du froh, dass die Leute nicht nachgefragt haben? Es wurde mir ja immer erst hinterher bewusst, was ich wieder angerichtet hatte, das waren zwei v?lig getrennte Abl?fe: Einmal die automatisierte Ausf?rung und hinterher das Ergebnis anzunehmen. Du glaubst gar nicht, wie viele Tr?en ich dar?er im Nachhinein vergossen habe, was ich an mir angerichtet hatte, quasi in Fortsetzung dessen, was andere an mir getan hatten. Aus heutiger Sicht allerdings w?de ich mir w?schen , dass sich die Menschen nicht mit fadenscheinigen Erkl?ung zufrieden geben. Aber damals war ich froh, weil ich mich entsetzlich daf? gesch?t habe, das h?te mich belastet. In der Psychiatrie allerdings bin ich F? meine einzige Sprache die ich hatte ? die Selbstverletzung ? bestraft worden, denn in einer Klinik wurde versucht, diese Handlungen medikament? zu unterdr?ken. Wann ist dein Selbstverletzendes Verhalten Ich war einmal in der Psychiatrie wegen eines Suizidversuches. Sp?er habe ich mir dann einmal eine Stricknadel quer in den Oberarm gerammt und zwei Wollnadeln noch dazu und damit konnte ich es nicht mehr verheimlichen oder irgendwelche Ausreden daf? finden. Ich habe dann eine befreundete ?ztin angerufen und die hat mich medizinisch versorgt und dann sp?er herausgefunden in welche Klinik ich gehen k?nte.Kannst du dich an das Gef?l nach dieser Offenbarung erinnern ? Ich konnte keinem mehr in die Augen schauen, ich h?te versinken m?en. Es war, als w?de eine Welt in mir zusammenbrechen. Da war das Gef?l da, da ist etwas ins Bewusstsein gekommen. Da ist was ?fentlich geworden, was geheim bleiben sollte. Ich hatte keine Ausreden mehr, ein Geheimnis ist offenbar geworden. Ich w?de jetzt gerne mit dir ?er die Tonfiguren sprechen. Du hast angefangen, Tonfiguren zu modellieren. Welche Bedeutung hat diese T?igkeit F? dich? Das Modellieren mit Ton hat in der Klinik angefangen. Da wurde mir pr?ent wie K?per, Seele und Geist auf Traumata usw. reagieren. Meistens reagiert der K?per, mir ging?s aber immer gut. Die ?zte witzelten schon immer: ?Bei Frau Lummas braucht man gar nicht vorbeikommen, der geht?s eh? immer gut.? Mein K?per reagierte also ?erhaupt nicht, zeigte keine Schmerz- oder Krankheitsreaktion. So ergab sich dann F? mich durch das Modellieren eine andere M?lichkeit, meine Gef?le und inneren Zust?de transparent zu machen, diese inneren Spannungen und den Druck zwar da sind, ich sie aber durch das Modellieren kanalisieren kann. Das Modellieren l?ft meistens ?erhaupt nicht ?er den Kopf, das ist eine v?lig verselbst?digte Geschichte, die nur aus dem Bauch heraus kommt. Ich setze mich hin und die H?de formen etwas. Dann erst entstehen die Figuren und es kommen die Gef?le dazu. In der Klinik habe ich zuerst ganz klare Figuren modelliert wie ?Das verlassene Kind??. Das ist die ?Herzeigegabi? - angepasst und brav, ?Ich habe es geschafft, kein Mensch soll jemals Hast du dich hingesetzt und dir ein Thema gegeben und hast das dann modelliert oder sind die Figuren anders entstanden.
Das waren noch die Figuren, bei denen ich das Gef?l
hatte, sie kommen ganz aus dem Bauch. Ich hatte ein paar Tage das Gef?l, ich
gehe
Hast du das Gef?l, dass die modellierten Figuren dir irgend etwas ?er deine Gef?le in der Kindheit oder das, was du damals erlebt hast, sagen? Im Nachhinein ja. Damals konkret noch nicht. Diese Verlassenheit und Einsamkeit in der Figur wie sie ist und warum, das hat mich besch?tigt. Ich hatte dann tats?hlich wochenlang dieses kleine Kind immer bei mir und hatte den Gedanken: ?Das ist die, die sich damals so f?lt e?. Ich habe heute den Eindruck, dass sich durch die Figuren alte Erinnerungen und Gef?le regelrecht in Szene setzen und dass es sich dadurch erst in Erinnerung bringt. Ich denke, dass mein Gehirn dadurch stimuliert werden muss, damit ich erinnern kann, was war. Wenn ich das nicht gef?lt h?te, dann w?de ich heute noch sagen: ?Ich spinne einfach?. Durch dieses F?len habe ich den Eindruck, dass ich dem, was damals war, ganz nah komme. Zu dieser Figur, die auf der Kiste sitzt, habe ich gleich von vornherein so ein inneres Gef?l gehabt: ?Mit der werde ich noch meine Scherereien haben!? Es war eher so ein mulmiges Gef?l und Antipathie, ?Wer ist DIE denn?? Die wirkt ja irgendwie so wie: ?Das habe ich geschafft? und ?Da kommt mir keiner ran? usw.? Irgendwie auch ein bisschen Stolz. Aber ich hatte das Gef?l, bei der wird sich noch einiges auftun, mit der werde ich noch meine Probleme bekommen... Mit einer Therapeutin habe ich in diesem Zusammenhang ?er das ?innere Kind? gesprochen. Ich sage zwar immer: ?Es kann ruhig kommen!?, aber die Therapeutin sagte dann: ?Und wenn es dann kommt, dann stehst du hinter der T? mit einem Kn?pel und haust dem Kind eins drauf!? Und so war es dann auch. Diese Kleine braucht eine ungeheure Portion an Vertrauen von meiner Seite, bis sie ?erhaupt hervorkommt, der muss man erst einmal beweisen, dass man es ernst meint. Das ist mir jetzt erst klar geworden.
Von der habe ich auch das Gef?l, dass von ihr die Selbstverletzungen ausgehen und dass sie mir etwas mitteilen will. Die hat etwas erlebt und die hat auch den Pakt abschlie?n m?sen, dar?er nicht zu reden und deshalb sitzt die da auch gefangen auf dieser Kiste. Die kann da gar nicht weg und w?ste auch gar nicht, wohin. Die hat sich immer darauf berufen, dass sie schweigt, denn sie konnte ja deshalb auch wieder in das Heim usw. Die schickt jetzt quasi ihre Erlebnisse hier hoch in Form von Selbstverletzungen. Ich habe das Gef?l, dass da Anteile in mir sind, die halt zeigen und sagen wollen: Hier, das ist uns widerfahren und dass und das ist passiert. Aber in dem Moment, in dem ich das aussprechen will, tritt dann eben diese Programmierung ein. Wenn ich was sage, dann ist das nur gut, wenn ich mir gleichzeitig den Bauch aufschlitze. Eine Zeit lang habe ich innerlich ganz viel Kindergeschrei geh?t und gedacht: ?Das Bauchaufschlitzen w?e eine gute M?lichkeit wie der K?per seine Verletztheit zeigen k?nte oder eine Bauchverletzung k?nte die eigene Sprache des K?pers sein.
Was bedeuten die Schachfiguren vor den am Boden knienden oder hockenden Kindern?
Das ist eine Konstellation, die ich unter dem Thema ?Lebensunlust? modelliert habe. Das war kein Bauchthema, sondern das Grundthema war meine Lebensunlust und meine Selbstverletzungen. Ich hatte das Gef?l, ich empfange eine innere Botschaft, mir den Bauch aufschlitzen zu m?sen, weil dass dann der inneren Wahrheit entspr?he. Dann habe ich gedacht, es muss doch auch einen anderen Weg F? mich geben, als mich immer zu verst?meln. Ich kam dann in diesen Werkraum und da war klar, ich habe zwei Grundthemen: ?Die Lebensunlust? und die ?Selbstverletzung?. Da habe ich mich dann gefragt: ?Was w?de herauskommen, wenn ich meine Lebensunlust darstelle?? Dieses Gef?l kenne ich seit meinem neunten Lebensjahr, nicht leben zu k?nen. Ich hatte keine Vorstellung davon, was es bedeutet zu leben. Und das in Verbindung mit der Selbstverletzung. Da kamen mir Bilder von Schachfiguren. Ich komme mir vor wie eine Schachfigur, man schiebt mich hin und her und schaut dann, was passiert. Und als Grundgef?l zeigte sich dann, dass ich immer auf der Verliererseite stehe. Bei der ?Lebensunlust? stehen die schwarzen Figuren immer innen, vor den einzelnen gepeinigten, erniedrigten und gedem?igten Figuren. Bei der ?Selbstverletzung? stehen die schwarzen Figuren immer au?n und auf einer rote Spirale. Diese Spirale ist ein Kreis, der immer tiefer geht. Da stehen die schwarzen Figuren immer au?n. Ich habe das Gef?l, dass dieses Verhalten von denen ausgeht und dass die das quasi genehmigt oder erlaubt haben. Kannst du etwas zu den Spiegeln sagen? Warum hast du das so angeordnet?
Ich nenne das ?Gespiegeltes Verhalten? und es ist auch wieder aus dem Bauch heraus entstanden. Die Intensit?, wie sich so was anf?lt wird dadurch noch deutlicher, wuchtiger, regelrecht multipliziert. Die Plastik ?Der Griff nach dem Schrei? wirkt auf mich sehr beeindruckend. Was k?nte er bedeuten, welche Vermutungen und Gedanken hast du dazu?
Im Zusammenhang mit den oben genannten Themen kam dann auch diese Figur zustande. Ich hatte das Gef?l, zu weit gegangen zu sein, zu viel offenbart zu haben, ein Verbot ?erschritten zu haben. Es war so ein Gef?l, als ob ich einen Schrei rauslassen konnte und gleichzeitig greift jemand danach. Gleichzeitig wei?ich gar nicht, ob ich ?erhaupt etwas Verbotenes gemacht habe. Ich wei?noch nicht genau, was diese Figur genau bedeutet, es ist noch unklar. Eine weitere Figur ist die ?Von Scham ergriffen?. Das ist eine kleine mit Scham erf?lte Figur die in einer schwarzen Hand liegt, die ich auch in der Klinik modelliert habe. Scham ist bei mir ein Hauptgef?l.
Mit dieser Figur ist etwas merkw?diges geschehen. Als ich sie das erste Mal brennen wollte, ist sie v?lig zusammen gefallen, es gab nur noch kleine Kr?el im Brennofen. Und seit dem ist das Gef?l von Scham weg, als ob sich ein Knoten gel?t hat. Dieses Ereignis hatte ganz gro?n Einfluss auf mich. Von dieser Scham war nichts mehr zu sehen und zu f?len. Ich kann heute gel?t dar?er reden. Wo stehst du heute? Verletzt du dich immer noch selbst? Wenn nicht, wie gehst du ggf. damit um, dieses Mittel nicht mehr zur Verf?ung zu haben? Was tust du statt dessen? Seit 1999 verletze ich mich nicht mehr selbst. Aber es
gibt immer noch solche Zust?de, in denen ich das Gef?l habe: ?Gib dir die
Kugel?, ?Spring aus dem Fenster?. Ganz h?fig war so ein Bed?fnis da, ?kurzen
Prozess? zu machen, mich umzubringen. Auch um den Leuten zu zeigen, nach au?n
sieht man nicht, was innen mit mir los ist. Ich muss irgend etwas machen um
nach au?n zu zeigen: So schlimm f?lt sich das an. Was h?test du dir als Kind von deiner sozialen Umwelt gew?scht? Das kann ich noch nichts dazu sagen. Ich kann eher auf die fachliche Ebene eingehen. Ich w?de mir w?schen , dass ?zte sensibler sind und nachfragen, sich nicht einfach mit Erkl?ungen abspeisen lassen. Dass das nicht alles am Schreibtisch bearbeitet wird, als Akte, Produkt oder als eine Nummer. Ich w?sche mir einfach mehr Gef?l, pers?liche Anteilnahme, Empathie und Zuwendung. Wenn man im sozialen Bereich arbeitet, dann sollte mir auch etwas an Menschen liegen. Viele machen das einfach nur als Job. Und daran hapert es dann auch. Einer vom Jugendamt hat mich einmal im Jahr be?gt und hat dann einen Bericht ?er mich geschrieben - wildfremde Leute haben mich begutachtet und ?er mein Leben entschieden, obwohl sie mich nie gesehen oder gar mit mir mal gesprochen haben. Du gibst dieses Interview einer Fachzeitschrift, die sich mit der Vorbeugung von Gewalt gegen Kinder befasst. Welche Motivation verbindest du mit diesem Interview, was w?schst du dir, was m?htest du vermitteln oder erreichen? Meine gr?te Motivation ist, dass ich wei? dass sich das Grauen tagt?lich an Kindern weiter vollzieht. Dass Selbstverletzendes Verhalten in den Kliniken zwar behandelt wird, aber nicht nach den Hintergr?den und Ursachen gefragt wird. Ich m?hte Menschen sensibel machen, nach den Hintergr?den dieses Verhaltens zu suchen. Man sollte die PatientInnen nicht ruhig stellen, sondern sie fragen, woher das kommt. Sie sollen keine Pflaster aufkleben, sondern nach den Ursachen der Verletzungen forschen. Es wird nur an den Opfern herumgedoktert und der Blick von den T?ern genommen. So kommen sie ungeschoren davon, niemand besch?tigt sich mit ihnen. Wir bedanken uns sehr herzlich bei dir F? das Interview. |
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