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Verschlossene Seele Ein Interview mit Gabi Lummers (P&P) Bitte stell dich unseren LeserInnen kurz vor. (Gabi Lummas) Ich bin Gabi Lummas, 44 Jahre alt und in Hamburg geboren. Von Beruf bin ich Gärtnerin und Erzieherin, ich lebe zur Zeit in Bayern. Erzähle uns doch bitte, wie du als Kind aufgewachsen bist. Ich lebte von Geburt an in Kinderheimen. Mit 5 Jahren kam ich in eine Pflegefamilie, in der ich drei Jahre lebte. Da ich mich in dieser Zeit auch Für Außenstehende sehr stark veränderte, wuchs in mir der Wunsch, diese Familie zu verlassen. In meiner „Mündelakte“ steht, dass ich in den ersten fünf Jahren ein sehr fröhliches Kind war, leicht Kontakte zu anderen Menschen bekommen habe. Später stand dann in der Akte, dass ich ein äußerst schwieriges Kind war, das Kontaktprobleme hat und total isoliert ist. Offenkundig habe ich mir dann gesagt: ’Ich gehe lieber wieder ins Heim, damit ich noch weiß, dass ich existiere’, so misshandelt und isoliert muss ich mich gefühlt haben. Ich hatte ja im Grunde mein Wesen in dieser Pflegefamilie total verändert. Ich kam dann in ein Übergangsheim und wurde von einem Psychologen wegen meiner Verhaltensweisen begutachtet. Er stellte fest, dass ich Für mein Alter viel zu isoliert und verschüchtert war und riet von einer weiteren Unterbringung in einer Pflegefamilien dringend ab. Dennoch wurde ich bereits nach vier Wochen in eine weitere Pflegefamilie vermittelt. Ich blieb dort ein Jahr, dann war die Überforderung dieser Familie durch meine Verhaltensweisen so groß, dass ich wieder in ein Heim musste. Was war in der ersten Familie passiert, was erinnerst du? Ich erinnere so gut wie nichts. Ich kann erste Szenen erinnern, wie ich im Haus der Familie in der Sandkiste sitze und bei mir ein Hund als „Gesprächspartner“ ist. Weitere Szenen, an die ich mich erinnere sind, dass ich unter der kalten Dusche stehen musste und mit der Hundepeitsche geschlagen wurde. Im Mahagonibett meiner Pflegeeltern musste ich Spagat machen, was sehr schmerzhaft war. Sonntags sollte ich immer meine Fingernägel zeigen. Da ich an ihnen kaute bis es blutete, bekam ich dann immer mit einem Kartenstapel auf die wunden Fingerkuppen geschlagen. Außerdem erinnere ich, dass unsere Nachbarn einen Swimmingpool hatten und ich da früher in Unterhosen spielte. Das wurde dann plötzlich tabu, weil man die Striemen auf dem Rücken sah. Ich litt unter totalem Liebesentzug. Später kam dann mein Entschluss, aus dieser Familie heraus zu wollen. Außer den wenigen oben beschriebenen Szenen erinnere ich nichts mehr, ich habe über weite Strecken eine Amnesie, denn ich erinnere mich nicht einmal mehr, wie diese Pflegeeltern ausgesehen haben, ich könnte sie als TäterInnen vor Gericht gar nicht identifizieren. Von der Schule weiß ich gar nichts mehr. Ich kann auch heute hochkommende Gefühle nicht mit Erinnerungen aus der damalige Zeit reaktivieren, es liegt alles total im Dunkeln. Stammen diese Schilderungen aus deiner Erinnerung, aus Erzählungen oder Dokumenten? Aus beidem. Ich habe diese wenigen Szenen vor Augen, habe aber später meine Jugendamtsakten gelesen und dadurch meine Erinnerungen „ergänzt“. Ich bin vor einiger Zeit zu dem Haus der ersten Pflegefamilie gefahren und habe Haus und Garten so wieder gefunden, wie ich es als Bild vor Augen hatte. In einem Bericht aus der Heimakte stand, dass ich stark onanieren würde, woraus man schließen könnte - so die Auffassung der Pflegeeltern - dass späteres Fehlverhalten im sexuellen Bereich zu erwarten ist. der Pflegeltern stand, dass ich massiv onaniert haben soll und dass zu befürchten ist, dass ich später „sexuelles Fehlverhalten“ zeigen werde. Außerdem sollen sie berichtet haben, dass ich erzählt hätte, dass ich in dem Heim, in dem ich war, bevor ich zu den Pflegeeltern kam, geschlagen, geknebelt und gefesselt worden sein soll. Ich vermutet aber, dass das nicht stimmt und dass das vielmehr in der Pflegefamilie geschehen sein muss. Ich halte das Für eine Art Absicherung der Pflegeltern Für den Fall, dass ich einmal von den Geschehnissen in ihrem Haus erzähle. Sie können dann argumentieren, dass diese Vorfälle passiert sind, bevor ich zu ihnen kam. Damit wären sie fein aus der Sache heraus. Andererseits macht das gar keinen Sinn, wenn man bedenkt, dass ich auf eigenen Wunsch von dieser Familie weg gegangen war und dann von dort ja vermutlich in dieses vorige Heim hätte zurück gehen müssen. Welches Kind geht freiwillig an den Ort der Misshandlung zurück ? Welche Gefühle verbindest du mit der Zeit deiner ersten acht Lebensjahre? Aus der Zeit bevor ich zu der Pflegefamilie kam weiß ich überhaupt nichts und habe auch keine Gefühle dazu. Als ich später aus der ersten Pflegefamilie abgeholt wurde, war das Einzige, was mich traurig gemacht hat, den Hund zu verlassen. Als ich dann das Gespräch mit dem Psychologen hatte, habe ich zu dem gesagt: ‚Ich komme mir vor wie ein Brief: Abstempeln und dann zum nächsten Ort!’ Ich habe mir Fragen gestellt: ‚Wer bin ich?’, ‚Warum habe ich so etwas wie eine Familie nicht?’ und ‚Wieso lebe ich überhaupt?’. Nach vier Wochen kam ich dann in die nächste Pflegefamilie und aus dieser Zeit erinnere ich ALLES! Ich habe Angst gehabt, ich habe nachts ins Bett gemacht und die Bettwäsche abgezogen usw. Wann fingen die Selbstverletzungen an? Ich erinnere nicht genau, ob ich in der ersten Pflegefamilie schon regelmäßig an den Nägeln gekaut habe, ich weiß nur, dass mir auf die Finger gehauen wurde, wenn sie kurz waren. Aber ich erinnere konkret, dass, nachdem ich nach der zweiten Pflegefamilie wieder ins Heim gekommen war, die Selbstverletzungen anfingen. Zu dieser Zeit war ich neun Jahre alt. Das weiß ich konkret aus einem Bericht eines Erziehers, der mir Für das Gericht eine Erinnerungsmitteilung geschrieben hatte und berichtete, dass ich mich stundenlang ins Klo eingeschlossen habe, total „dicht“ war und keinen an mich rangelassen habe. Damals fing ich ganz extrem an mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, mir die Haare auszureißen, Nägel zu kauen etc. Glaubst du, dass du in Situationen, in denen du mit emotionalen Zuständen nicht zurecht gekommen bist, die Selbstverletzungen ausgeübt hast, um „Druck abzulassen“ oder wolltest du auf dich aufmerksam machen? Dieses Verhalten hat sich dann im Laufe der Jahre noch
verstärkt, vor allem dann, wenn irgend etwas (Belastendes) kam, dann wusste
ich wohl, was zu tun ist, um mich von diesem Druck zu entlasten. Die Erzieher
im Heim haben schon gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ein Erzieher hat
mich darauf auch einmal angesprochen, weil er mich erlebt hatte, wie ich ganz
abwesend war und mit verdrehten Augen völlig in mich gekehrt auf dem Bett saß.
Ich hatte das Gefühl, dass immer wenn ich etwas „Verbotenes“ tue Gibt es Für dich einen Unterschied zwischen Nägelkauen und Selbstverletzung? Das kann ich gar nicht sagen. Nägelkauen war sicherlich auch eine Selbstverletzung, da konnte ich massiven Druck ablassen, aber ich war mir dessen nicht bewusst! Du hast vorhin erzählt, dass du bei den Selbstverletzungen völlig abwesend warst. Glaubst du das passierte in einem Trancezustand oder hattest du das Gefühl, aus deinem Körper „auszusteigen“, dich abzuspalten? Das war eher eine Art Abspaltung, denn in dem Moment, in dem ich mich selbst verletzt habe, war das völlig o.k. und angemessen Für mein Gefühl. Stunden oder einen Tag später dann, wenn ich mir bewusst wurde, was ich gemacht hatte, habe ich mich entsetzlich damit gefühlt und mich abgrundtief dafür geschämt. Ich hätte im Boden versinken können! Ich hatte das Gefühl, es müsste jemand anderes als ich selbst sein, der diese Selbstverletzungen durchgeführt hat. In der Situation selbst war ich mir nicht bewusst darüber, was ich tue. In dem Moment als ich das gemacht habe, war ich völlig überzeugt davon, dass es das einzig Richtige und Adäquate ist, was ich tun konnte. Ich konnte mich in die Aggression massiv reinsteigern, später bekam ich vor diesen Zuständen richtig Angst. Ich denke heute, dass das eine Art „Programmierung“ ist, die mich daran hindert, das auszusprechen, was ich nicht aussprechen darf. Ich verletze mich selbst und dann kümmern sich alle um das, was da passiert ist und nicht darum, woher das kommt, dass ich mich so verletze. Man klebt mir Pflaster auf und muss nicht nach den Ursachen forschen. Bevor das mit den Selbstverletzungen losging, erlebte ich meist Gefühle, die waren so real, dass ich glaubte, es passiert mir jetzt in diesem Augenblick. Es gab nur sehr heftige Gefühle, aber keine Bilder dazu -wahrscheinlich würde ich sterben, wenn ich noch die Bilder dazu hätte. In diesem Moment verletzte ich mich dann um diese grausigen Gefühle nach „Außen“ zu bringen, stimmig oder transparent zu machen, aber auch um aus diesem Zustand heraus zu kommen. Nicht „abzudriften“, den Druck raus zu lassen damit das innere „Leiden und Bild“ transparent und sichtbar Für die „Außenwelt“ wird und nicht nur noch verrückt zu sein oder was auch immer. Ich hatte dann das Gefühl, ich habe mich „geerdet“ damit ich mich nicht auflöse oder sterbe. Welche Formen der Selbstverletzung hast du dir zugefügt? Ich habe mir mehrere Injektionsnadeln in den Arm gespritzt und sie dann abgebrochen, ich habe ätzende Putzmittel, Tabletten, jeglicher Art und Entfärber geschluckt. Ich konnte Rum trinken ohne Ende, habe Wunden offen gehalten und vieles mehr. Gibt oder gab es dafür einen oder mehrere konkrete Auslöser, die du beobachten konntest, Z.B. eine konkrete Situation, bestimmte Handlungen, Erlebnisse etc., die dann die Selbstverletzung zur Folge hatten. so genannte Auslöser kann ich nicht erinnern. Es ist eher so, dass ich ein „inneres Bild“ wiederholte oder nach außen zeigte. Ich will ein Beispiel geben. In meinem inneren Erleben gab es nur offene Wunden und schwere Verletzungen. Das musste sich nach außen zeigen, weil alle Welt immer dachte und denkt, ich bin gut drauf und super angepasst. Mit dieser „Sprache“ habe ich versucht das zu zeigen, was wirklich in mir los ist. Dann habe ich mich selbst verletzt, was dazu führte, dass Verletzungen und Schnittwunden durch Ärzte immer wieder zugenäht wurden. Das war wie eine Art Grenzverletzung, weil sie meine Wunden „zugedeckt“ haben, statt nach ihnen zu fragen. Ich dachte: ‚Ihr könnt diese Wunden doch nicht einfach zumachen! Ich will euch damit doch etwas von mir zeigen...’ Wie fühlt e sich dein Körper nach diesen Verletzungen an? Hast du etwas gespürt? Hat es dir weh getan? Bis zu der Entscheidung, dass ich den Selbstverletzungen auf den Grund gehe, konnte ich meinem Körper alles antun, der reagiert eh nicht. In der Literatur wird oft beschrieben, dass Frauen, die sich selbst verletzen, z.B. das Gefühl haben, dass sie noch leben wenn Blut fließt. War das bei dir auch so? Nee, überhaupt nicht. Mit dem Bluten hatte das nichts zu tun. Wenn mir schon das Reden verboten wurde – musste ich wenigsten etwas anderes tun, denn gar nichts machen ging nicht, irgend etwas musste ich tun. Es musste genau so geschehen und ich hatte eher das Gefühl, dass ich mein inneres Bild nach außen hin ausdrücken wollte, ich aber merken musste, dass der Körper gar nicht so reagiert, wie ich das hoffte. Kann es auch so eine Art Selbstbestrafung gewesen sein? Das war noch gar nicht in der Bewusstseinsebene angekommen, dass ich mich bestrafen wollte, das war nicht bedeutsam, mir ging es nur darum diese schrecklichen Gefühle nach außen zu tragen, Für Andere sichtbar zu machen. Selbstverletzenden Verhalten wird auch als Ventilfunktion beschrieben um „Druck abzulassen“, wenn Menschen sich überfordert fühlen, zu viel Stress haben, emotional sehr stark belastet oder regelrecht überflutet sind und mit der Situation nicht mehr zu recht kommen. Trifft das auch auf deine Situation zu, dass du Druck ablassen wolltest, weil in dir etwas „brodelte“ und „kochte“, das du nicht benennen konntest? Ja. Hast du deine Verletzungen andere sehen lassen oder sie verheimlicht? Ich habe sie immer total verheimlicht und mich entsetzlich dafür geschämt. Wie hast du das erreicht, dass niemand das sehen Ich habe immer Geschichten erfunden, wie es passiert sein konnte. Aber das lief gar nicht über den Kopf, diese Erklärungsgeschichten kamen aus meinem Bauch heraus, ohne, dass ich darüber nachgedacht habe. Bist du froh, dass die Leute nicht nachgefragt haben? Es wurde mir ja immer erst hinterher bewusst, was ich wieder angerichtet hatte, das waren zwei völlig getrennte Abläufe: Einmal die automatisierte Ausführung und hinterher das Ergebnis anzunehmen. Du glaubst gar nicht, wie viele Tränen ich darüber im Nachhinein vergossen habe, was ich an mir angerichtet hatte, quasi in Fortsetzung dessen, was andere an mir getan hatten. Aus heutiger Sicht allerdings würde ich mir wünschen , dass sich die Menschen nicht mit fadenscheinigen Erklärung zufrieden geben. Aber damals war ich froh, weil ich mich entsetzlich dafür geschämt habe, das hätte mich belastet. In der Psychiatrie allerdings bin ich Für meine einzige Sprache die ich hatte – die Selbstverletzung – bestraft worden, denn in einer Klinik wurde versucht, diese Handlungen medikamentös zu unterdrücken. Wann ist dein Selbstverletzendes Verhalten Ich war einmal in der Psychiatrie wegen eines Suizidversuches. Später habe ich mir dann einmal eine Stricknadel quer in den Oberarm gerammt und zwei Wollnadeln noch dazu und damit konnte ich es nicht mehr verheimlichen oder irgendwelche Ausreden dafür finden. Ich habe dann eine befreundete Ärztin angerufen und die hat mich medizinisch versorgt und dann später herausgefunden in welche Klinik ich gehen könnte.Kannst du dich an das Gefühl nach dieser Offenbarung erinnern ? Ich konnte keinem mehr in die Augen schauen, ich hätte versinken mögen. Es war, als würde eine Welt in mir zusammenbrechen. Da war das Gefühl da, da ist etwas ins Bewusstsein gekommen. Da ist was öffentlich geworden, was geheim bleiben sollte. Ich hatte keine Ausreden mehr, ein Geheimnis ist offenbar geworden. Ich würde jetzt gerne mit dir über die Tonfiguren sprechen. Du hast angefangen, Tonfiguren zu modellieren. Welche Bedeutung hat diese Tätigkeit Für dich? Das Modellieren mit Ton hat in der Klinik angefangen. Da wurde mir präsent wie Körper, Seele und Geist auf Traumata usw. reagieren. Meistens reagiert der Körper, mir ging’s aber immer gut. Die Ärzte witzelten schon immer: „Bei Frau Lummas braucht man gar nicht vorbeikommen, der geht’s eh’ immer gut.“ Mein Körper reagierte also überhaupt nicht, zeigte keine Schmerz- oder Krankheitsreaktion. So ergab sich dann Für mich durch das Modellieren eine andere Möglichkeit, meine Gefühle und inneren Zustände transparent zu machen, diese inneren Spannungen und den Druck zwar da sind, ich sie aber durch das Modellieren kanalisieren kann. Das Modellieren läuft meistens überhaupt nicht über den Kopf, das ist eine völlig verselbständigte Geschichte, die nur aus dem Bauch heraus kommt. Ich setze mich hin und die Hände formen etwas. Dann erst entstehen die Figuren und es kommen die Gefühle dazu. In der Klinik habe ich zuerst ganz klare Figuren modelliert wie „Das verlassene Kind““. Das ist die „Herzeigegabi“ - angepasst und brav, „Ich habe es geschafft, kein Mensch soll jemals Hast du dich hingesetzt und dir ein Thema gegeben und hast das dann modelliert oder sind die Figuren anders entstanden.
Das waren noch die Figuren, bei denen ich das Gefühl
hatte, sie kommen ganz aus dem Bauch. Ich hatte ein paar Tage das Gefühl, ich
gehe
Hast du das Gefühl, dass die modellierten Figuren dir irgend etwas über deine Gefühle in der Kindheit oder das, was du damals erlebt hast, sagen? Im Nachhinein ja. Damals konkret noch nicht. Diese Verlassenheit und Einsamkeit in der Figur wie sie ist und warum, das hat mich beschäftigt. Ich hatte dann tatsächlich wochenlang dieses kleine Kind immer bei mir und hatte den Gedanken: ‚Das ist die, die sich damals so fühlt e’. Ich habe heute den Eindruck, dass sich durch die Figuren alte Erinnerungen und Gefühle regelrecht in Szene setzen und dass es sich dadurch erst in Erinnerung bringt. Ich denke, dass mein Gehirn dadurch stimuliert werden muss, damit ich erinnern kann, was war. Wenn ich das nicht gefühlt hätte, dann würde ich heute noch sagen: ‚Ich spinne einfach’. Durch dieses Fühlen habe ich den Eindruck, dass ich dem, was damals war, ganz nah komme. Zu dieser Figur, die auf der Kiste sitzt, habe ich gleich von vornherein so ein inneres Gefühl gehabt: ‚Mit der werde ich noch meine Scherereien haben!’ Es war eher so ein mulmiges Gefühl und Antipathie, ‚Wer ist DIE denn?’ Die wirkt ja irgendwie so wie: ‚Das habe ich geschafft‘ und ‚Da kommt mir keiner ran‘ usw.’ Irgendwie auch ein bisschen Stolz. Aber ich hatte das Gefühl, bei der wird sich noch einiges auftun, mit der werde ich noch meine Probleme bekommen... Mit einer Therapeutin habe ich in diesem Zusammenhang über das ‚innere Kind’ gesprochen. Ich sage zwar immer: ‚Es kann ruhig kommen!’, aber die Therapeutin sagte dann: ‚Und wenn es dann kommt, dann stehst du hinter der Tür mit einem Knüppel und haust dem Kind eins drauf!’ Und so war es dann auch. Diese Kleine braucht eine ungeheure Portion an Vertrauen von meiner Seite, bis sie überhaupt hervorkommt, der muss man erst einmal beweisen, dass man es ernst meint. Das ist mir jetzt erst klar geworden.
Von der habe ich auch das Gefühl, dass von ihr die Selbstverletzungen ausgehen und dass sie mir etwas mitteilen will. Die hat etwas erlebt und die hat auch den Pakt abschließen müssen, darüber nicht zu reden und deshalb sitzt die da auch gefangen auf dieser Kiste. Die kann da gar nicht weg und wüsste auch gar nicht, wohin. Die hat sich immer darauf berufen, dass sie schweigt, denn sie konnte ja deshalb auch wieder in das Heim usw. Die schickt jetzt quasi ihre Erlebnisse hier hoch in Form von Selbstverletzungen. Ich habe das Gefühl, dass da Anteile in mir sind, die halt zeigen und sagen wollen: Hier, das ist uns widerfahren und dass und das ist passiert. Aber in dem Moment, in dem ich das aussprechen will, tritt dann eben diese Programmierung ein. Wenn ich was sage, dann ist das nur gut, wenn ich mir gleichzeitig den Bauch aufschlitze. Eine Zeit lang habe ich innerlich ganz viel Kindergeschrei gehört und gedacht: ‚Das Bauchaufschlitzen wäre eine gute Möglichkeit wie der Körper seine Verletztheit zeigen könnte oder eine Bauchverletzung könnte die eigene Sprache des Körpers sein.
Was bedeuten die Schachfiguren vor den am Boden knienden oder hockenden Kindern?
Das ist eine Konstellation, die ich unter dem Thema „Lebensunlust“ modelliert habe. Das war kein Bauchthema, sondern das Grundthema war meine Lebensunlust und meine Selbstverletzungen. Ich hatte das Gefühl, ich empfange eine innere Botschaft, mir den Bauch aufschlitzen zu müssen, weil dass dann der inneren Wahrheit entspräche. Dann habe ich gedacht, es muss doch auch einen anderen Weg Für mich geben, als mich immer zu verstümmeln. Ich kam dann in diesen Werkraum und da war klar, ich habe zwei Grundthemen: „Die Lebensunlust“ und die „Selbstverletzung“. Da habe ich mich dann gefragt: ‚Was würde herauskommen, wenn ich meine Lebensunlust darstelle?’ Dieses Gefühl kenne ich seit meinem neunten Lebensjahr, nicht leben zu können. Ich hatte keine Vorstellung davon, was es bedeutet zu leben. Und das in Verbindung mit der Selbstverletzung. Da kamen mir Bilder von Schachfiguren. Ich komme mir vor wie eine Schachfigur, man schiebt mich hin und her und schaut dann, was passiert. Und als Grundgefühl zeigte sich dann, dass ich immer auf der Verliererseite stehe. Bei der „Lebensunlust“ stehen die schwarzen Figuren immer innen, vor den einzelnen gepeinigten, erniedrigten und gedemütigten Figuren. Bei der „Selbstverletzung“ stehen die schwarzen Figuren immer außen und auf einer rote Spirale. Diese Spirale ist ein Kreis, der immer tiefer geht. Da stehen die schwarzen Figuren immer außen. Ich habe das Gefühl, dass dieses Verhalten von denen ausgeht und dass die das quasi genehmigt oder erlaubt haben. Kannst du etwas zu den Spiegeln sagen? Warum hast du das so angeordnet?
Ich nenne das „Gespiegeltes Verhalten“ und es ist auch wieder aus dem Bauch heraus entstanden. Die Intensität, wie sich so was anfühlt wird dadurch noch deutlicher, wuchtiger, regelrecht multipliziert. Die Plastik „Der Griff nach dem Schrei“ wirkt auf mich sehr beeindruckend. Was könnte er bedeuten, welche Vermutungen und Gedanken hast du dazu?
Im Zusammenhang mit den oben genannten Themen kam dann auch diese Figur zustande. Ich hatte das Gefühl, zu weit gegangen zu sein, zu viel offenbart zu haben, ein Verbot überschritten zu haben. Es war so ein Gefühl, als ob ich einen Schrei rauslassen konnte und gleichzeitig greift jemand danach. Gleichzeitig weiß ich gar nicht, ob ich überhaupt etwas Verbotenes gemacht habe. Ich weiß noch nicht genau, was diese Figur genau bedeutet, es ist noch unklar. Eine weitere Figur ist die „Von Scham ergriffen“. Das ist eine kleine mit Scham erfüllte Figur die in einer schwarzen Hand liegt, die ich auch in der Klinik modelliert habe. Scham ist bei mir ein Hauptgefühl.
Mit dieser Figur ist etwas merkwürdiges geschehen. Als ich sie das erste Mal brennen wollte, ist sie völlig zusammen gefallen, es gab nur noch kleine Krümel im Brennofen. Und seit dem ist das Gefühl von Scham weg, als ob sich ein Knoten gelöst hat. Dieses Ereignis hatte ganz großen Einfluss auf mich. Von dieser Scham war nichts mehr zu sehen und zu fühlen. Ich kann heute gelöst darüber reden. Wo stehst du heute? Verletzt du dich immer noch selbst? Wenn nicht, wie gehst du ggf. damit um, dieses Mittel nicht mehr zur Verfügung zu haben? Was tust du statt dessen? Seit 1999 verletze ich mich nicht mehr selbst. Aber es
gibt immer noch solche Zustände, in denen ich das Gefühl habe: ‚Gib dir die
Kugel’, ‚Spring aus dem Fenster’. Ganz häufig war so ein Bedürfnis da, ‚kurzen
Prozess’ zu machen, mich umzubringen. Auch um den Leuten zu zeigen, nach außen
sieht man nicht, was innen mit mir los ist. Ich muss irgend etwas machen um
nach außen zu zeigen: So schlimm fühlt sich das an. Was hättest du dir als Kind von deiner sozialen Umwelt gewünscht? Das kann ich noch nichts dazu sagen. Ich kann eher auf die fachliche Ebene eingehen. Ich würde mir wünschen , dass Ärzte sensibler sind und nachfragen, sich nicht einfach mit Erklärungen abspeisen lassen. Dass das nicht alles am Schreibtisch bearbeitet wird, als Akte, Produkt oder als eine Nummer. Ich wünsche mir einfach mehr Gefühl, persönliche Anteilnahme, Empathie und Zuwendung. Wenn man im sozialen Bereich arbeitet, dann sollte mir auch etwas an Menschen liegen. Viele machen das einfach nur als Job. Und daran hapert es dann auch. Einer vom Jugendamt hat mich einmal im Jahr beäugt und hat dann einen Bericht über mich geschrieben - wildfremde Leute haben mich begutachtet und über mein Leben entschieden, obwohl sie mich nie gesehen oder gar mit mir mal gesprochen haben. Du gibst dieses Interview einer Fachzeitschrift, die sich mit der Vorbeugung von Gewalt gegen Kinder befasst. Welche Motivation verbindest du mit diesem Interview, was wünschst du dir, was möchtest du vermitteln oder erreichen? Meine größte Motivation ist, dass ich weiß, dass sich das Grauen tagtäglich an Kindern weiter vollzieht. Dass Selbstverletzendes Verhalten in den Kliniken zwar behandelt wird, aber nicht nach den Hintergründen und Ursachen gefragt wird. Ich möchte Menschen sensibel machen, nach den Hintergründen dieses Verhaltens zu suchen. Man sollte die PatientInnen nicht ruhig stellen, sondern sie fragen, woher das kommt. Sie sollen keine Pflaster aufkleben, sondern nach den Ursachen der Verletzungen forschen. Es wird nur an den Opfern herumgedoktert und der Blick von den Tätern genommen. So kommen sie ungeschoren davon, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Wir bedanken uns sehr herzlich bei dir Für das Interview. |
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