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Essstörungen haben in
den letzten Jahren erheblich zugenommen. Sie sind zu einer so genannten
"Zeitkrankheit" geworden. Wieso und weshalb dies so ist, lässt sich nicht
genau erklären. Fakt jedoch ist, dass sich
seit den 50er Jahren die Gesellschaft der westlichen Industrieländer
insofern gewandelt hat, dass ein Übergang von
einer Arbeits- zu eine Freizeitgesellschaft zu beobachten ist, die eine
Reihe von Problemen mit sich bringt. Es gilt die freie Zeit zu füllen, sie
zu organisieren.
Gerade Jugendliche,
die in diese neue Welt hineinwachsen sollen, aber noch mit dem bürgerlich-
moralischen Wertesystem der Elterngeneration aufwachsen, welches geprägt ist
durch Pflichterfüllung, Fleiß und Arbeitsamkeit, geraten unumgänglich in ein
Spannungsfeld.
Praxiserfahrungen der
AutorInnen zeigen, wie sehr bei vielen Jugendlichen das Bedürfnis nach
Sicherheit in Bezug auf Lebensführung, Partnerschaft und Berufswahl
vorhanden ist und wie wenig unsere Gesellschaft dies zu bieten hat.
Wichtige Veränderungen
in den letzten Jahrzehnten sind auch auf dem Gebiet der Sexualität zu
bemerken. Ziel war und ist eine freie sexuelle Entfaltung des Individuums.
Dabei hat sich jedoch immer mehr ein Leistungsdenken und ein Leistungsdruck
breit gemacht.
Der
Gesundheitsfanatismus und das Ausrichten an ein vorherrschendes
Schlankheitsideal, an das sich viele Frauen und Männer- vor allem der
Oberschicht- orientieren, unterstützt die Entwicklung eines mangelnden
Selbstwertgefühls und die Entstehung von psychosomatischen Störungen, wozu
Bulimie und Magersucht zweifelsohne gehören. Schlankheit steht Für
Schönheit, Attraktivität und Erfolg.
Doch gesellschaftliche
Bedingungen sind nur ein Teil des Dilemmas und können nicht allein Für die
Entstehung der Essstörungen verantwortlich gemacht werden. Die
Verantwortlichkeit liegt ebenso im Subsystem Familie. "Es ist ein hohes
Ideal in diesen Familien, eins zu sein, keine Grenzen untereinander
zuzulassen und die Intimsphären zu leugnen. Individualität ist verpönt und
wird bestraft." (S. 62)
Familien, in denen
Magersucht entstanden ist, weisen oft eine Fülle an Für die Gesellschaft
erstrebenswerten Eigenschaften auf. Von außen erwecken sie den Eindruck
einer idealen, perfekten Familie. Die Betroffenen selbst erleben die Familie
oft als ideal und harmonisch. Sie leben angepasst
und unauffällig, sind ehrgeizig, pflichtbewusst
und kreativ. Sie merken die Abhängigkeiten in der Familie nicht. Die Jagd
nach Anerkennung und Liebe kann nur über Leistung erreicht werden.
Die Bulimie und
Magersucht stellen einen Versuch dar, sich persönliche Stärke und
Willenskraft zu beweisen. Gleichzeitig kann sie als stummer Vorwurf Versagen
gegenüber der Familie sanktionieren. Die Funktion dieser Krankheit ist
letztendlich bei allen Ausprägungen dieselbe. Sie dient dazu, das unsichere,
gefährdete ICH zu schützen. Dies ist auch ein Grund dafür , warum die
Behandlung sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Denn oft ist die Essstörung der
einzige Halt Für die Betroffenen und wird nicht als Kranksein erlebt. Ein
"Wegnehmen" dieser Macht über sich selbst und andere würde unter Umständen
eine vollkommene Leere hinterlassen.
In diesem Buch gehen
die AutorInnen auf die verschiedensten Facetten des Phänomens der Bulimie
und Magersucht ein. Sie betrachten die Essstörungen im Zusammenhang mit der
Gesellschaft, mit der Familie und beschreiben sie als medizinische
Diagnosen. Sie befassen sich ausführlich mit dem Wandel der Konzepte, wie
diese Krankheit gedeutet wurde und stellen ihr eigenes Konzept der
Behandlung in der heutigen Zeit vor.
Dieses Buch ist Für
die, die mit Problemen der Essstörungen konfrontiert werden. Es gibt
Betroffenen wie auch Beteiligten mehr Verständnis Für die komplexen
Zusammenhänge Für diese Form der psychosomatischen Störung.
Viele eindrucksvolle
aber auch bedrückende Beispiele von Betroffenen geben einen umfassenden
Einblick in das Erleben dieser Krankheit. Das Buch ist sehr verständlich
geschrieben und bietet somit eine gute Hilfestellung im Verstehen und
bewältigen des sich ausweitenden Problems. (Carola Bartsch) |