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Welche Folgen kann sexualisierte Gewalt haben?

Ein Leben zum "weglaufen"?

Auf diese Frage gibt es so viele Antworten wie Opfer. Jedes Mädchen und jeder Junge erlebt sexualisierte Gewalt auf seine eigene Weise und jedes Kind versucht auf seine Weise damit umzugehen.

Ob Außenstehende die übergriffe als "schlimm" oder "traumatisch" einstufen, ist unwichtig. Entscheidend ist, wie erlebt es das betroffene Kind?

Die Reaktionen der Mädchen und Jungen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst.

Manche

  • sind traurig, zurück gezogen, isoliert.

  • verletzen sich selbst oder andere.

  • sind wütend und/oder aggressiv.

  • haben häufig körperliche Beschwerden, deren Ursachen nicht zu erklären sind.

  • flüchten sich in Phantasiewelten, wirken abwesend.

  • lassen sich ihre Verletzungen nicht "anmerken", niemand vermutet, dass es im Leben dieses Menschen sexualisierte Gewalt gegeben hat.

Mädchen reagieren oft anders als Jungen.

Sexualisierte Gewalt an Mädchen und Jungen - Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Jungen

Mädchen

Jungen werden im öffentlichen Bereichen selten als Opfer wahrgenommen

Mädchen werden häufiger als Opfer gesehen.

rufen seltener um Hilfe oder sagen gegen den Täter aus.

holen sich eher Hilfe und sagen aus.

Dunkelziffer wesentlich höher

Dunkelziffer hoch

werden meist von männlichen Familienangehörigen und Bekannten missbraucht, häufiger als Mädchen auch von Frauen.

werden in der Regel vom Vater oder Stiefvater missbraucht.

werden am häufigsten Jahre hindurch, oft aber auch nur einmal

werden meistens über Jahre hinweg missbraucht.

werden meist mit Geld, Geschenken und Vergnügungen bestochen.

werden meist verführt, indem der Täter ihr Vertrauen ausnutzt.

wird nicht erlaubt, sich als abhängig, verletzt und hilflos zu erleben.

werden in der Opferrolle akzeptiert und in ihr bestärkt.

erleben meist homosexuelle Gewalt

erleben meist heterosexuelle Gewalt.

kompensieren ihre Angst vor Homosexualität durch typisch männliches Rollenverhalten (z.B. Kontrollzwang, Sadismus).

verfestigen weibliches Rollenverhalten (z.B. gelernte Hilflosigkeit, Unterwürfigkeit).

bekommen nach dem Trauma weniger Liebe und Zuwendung.

bekommen nach dem Trauma mehr Liebe und Zuwendung.

werden öfters in der Gegenwart Anderer missbraucht. Zu 60% gibt es im Haus weitere Opfer.

sind oft einzige Opfer.

werden häufiger auch körperlich misshandelt.

Werden etwas seltener auch körperlich misshandelt.

stellen als Jugendliche bereits ein Drittel männlicher Täter.

sind so gut wie nie Täter.

sind in Forschung und Literatur seltener Thema.

sind in Forschung und Literatur bereits häufiger

erhalten noch weniger Hilfsangebote als Mädchen.

erhalten auch noch nicht genug Hilfsangebote.

(aus: Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen; eine Informationsbroschüre der Senatsverwaltung Für Jugend und Familie, Berlin 1992). Inhaltliche Verantwortung: Mario Maier.

Trotzdem ist das persönliche Erleben der sexualisierten Gewalt häufig ähnlich. Den besten Eindruck bekommen Sie, wenn Sie einmal einen Erfahrungsbericht einer Frau oder eines Mannes lesen.

Wichtig ist, dass wir darauf reagieren, wenn sexualisierte Gewalt ausgeübt wird, damit...

  • ... betroffene das Gefühl haben, ihnen wird geglaubt.

  • ... sexualisierte Gewalt aufhört.

  • ... den Opfern geholfen wird

  • ... die Opfer geschützt werden können.

  • ...Täter sich nicht neue Opfer suchen können.

  • ... durch das Öffentlichmachen ein größeres Bewusstsein für sexualisierte Gewalt entsteht.

  • ... durch Präventionsmaßnahmen andere Kinder geschützt werden können.

Danke, dass Sie sich auf die Seite der Opfer stellen.


Zusammenfassung

sexualisierte Gewalt kann zu einer Vielzahl verschiedener kurz- und langfristiger Folgen und Schäden führen. Viele Betroffene bleiben ihr Leben lang durch die Missbrauchserfahrungen geprägt und belastet. Die Schädigungen sind nach Einschätzung der meisten Autoren umso schwerwiegender

  • je größer der Altersunterschied zwischen Täter und Opfer, und besonders beim Generationsunterschied;
  • je größer die verwandtschaftliche Nähe, und besonders bei Autoritäts- und Vaterfiguren;
  • je länger der Missbrauch andauert;
  • je jünger das Kind bei Beginn des Missbrauchs;
  • je mehr Gewalt angedroht oder angewendet wird;
  • je vollständiger die Geheimhaltung;
  • je weniger sonstige schützende Vertrauensbeziehungen, etwa zur Mutter oder einer anderen Person bestehen.

Eine Gewichtung der einzelnen Faktoren lässt sich kaum vornehmen; jedoch ist davon auszugehen, dass die Traumatisierung und die Langzeitfolgen in dem gleichen Maße zunehmen wie die Anzahl der gegebenen Bedingungen.

Zentrales schädigendes Element bei sexuellem Missbrauch, vor allem innerhalb der Familie, ist die langfristige Verwirrung, der das Kind auf kognitiver, emotionaler und sexueller Ebene ausgesetzt ist. Es ist frühzeitig sexuell stimulierter Pseudo-Partner und zugleich strukturell abhängiges Kind, und es wird möglicherweise noch durch Gewalt bedroht. Die Verwirrung hinsichtlich der Generationszugehörigkeiten und die Vermischung der Rollen einer (väterlichen) Autoritätsfigur und sexuellen Pseudopartners wird von den Missbrauchern häufig durch die möglichst vollständige Verleugnung der Tatsache, dass überhaupt sexuelle Handlungen stattfinden, aufrecht erhalten. So ereignet sich der Missbrauch oft in völligem Schweigen und in Dunkelheit. Die körperliche Nähe und die sexuelle Erregung stehen in direktem Widerspruch zur Negierung der Realität. Damit wird dem Kind die Möglichkeit genommen, die zentralen Aspekte dieser emotional intensiven und verwirrenden Erfahrung kognitiv und sozial sinnvoll zuzuordnen - und es ist darüber hinaus noch gezwungen, diese Verwirrung geheim zuhalten.

Sexualisierte Gewalt setzt das Kind also nicht nur traumatischen Erfahrungen aus, durch die seine sexuellen Gefühle und Vorstellungen in einer Weise beeinflusst werden, die seinem Entwicklungsstand und der Qualität seiner Beziehungen nicht entsprechen; wenn es entdeckt, dass eine Person, die es liebt und zu der es in einer lebenswichtigen Beziehung steht, es missbraucht und verletzt, wird es auch in seinem Vertrauen zutiefst erschüttert. Dieser Verrat durch den Missbraucher kann durch die Reaktionen der Umwelt wiederholt und verstärkt werden, wenn das Kind bei seinen Versuchen, sich mitzuteilen und sich dem Missbrauch zu entziehen, keinen Glauben und keine Unterstützung findet.

Die grundlegende Missachtung seines Willens und die (fortgesetzte) Verletzung seiner körperlichen Integrität konfrontieren das Kind mit Gefühlen der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Und schließlich wird es in seinem Selbstvertrauen geschädigt, wenn es die Gefühle

  • der Scham (dass es missbraucht wird),
  • der Schuld (weil es den Missbrauch nicht beenden kann) und
  • der Wertlosigkeit (weil seine körperliche Integrität zerstört wird)

als dem eigenen Selbst zugehörig verinnerlicht. Auch hierbei können die Gefühle des Beschädigt- und Ausgestoßenseins (Stigmatisierung) durch entsprechende Zuschreibungen von Seiten der Umwelt weiterhin verschlimmert und befestigt werden.

Schädigenden sexuellen Erfahrungen, Verrat, Ohnmacht und Stigmatisierung sind leider nicht nur missbrauchte Kinder ausgeliefert; das gleichzeitige Zusammentreffen aller vier Faktoren in der Missbrauchssituation ist es jedoch, was sexuellen Kindesmissbrauch von allen anderen, möglicherweise traumatischen Erlebnissen (wie etwa Scheidung der Eltern oder auch physische Misshandlungen) unterscheidet.

Das Ausmaß der Schädigungen variiert in Abhängigkeit davon, wie sich im Einzelfall diese vier Faktoren wechselseitig verstärken oder abschwächen.

Als langfristige Folgen sexualisierter Gewalt von Kindern und Jugendlichen treten im Erwachsenenalter häufig auf:

  • Störungen der Sexualität und Partnerschaftsprobleme;
  • Störungen in der Wahrnehmung eigener Gefühle (Verwechslung von Affektivität und Sexualität),
  • Gefühle der Wertlosigkeit, Scham und Schuld, Wut,
  • Ablehnung des eigenen Körpers, selbstdestruktives Verhalten, Selbstmord(versuche),
  • Sexualisierung von Beziehungen
  • Störung der Sexualfunktionen (Frigidität, Vaginismus u.a.),
  • emotionaler Rückzug und soziale Isolation, Misstrauen,
  • Depression,
  • Gefühle, außerhalb des eigenen Körpers zu sein (Dissoziation),
  • Alkohol- und Drogenmissbrauch,
  • Angstzustände, Alpträume, Angst machende Tagträume,
  • Schlaf- und Essstörungen,
  • psychosomatische Beschwerden (vor allem Haut- und Magenerkrankungen),
  • Prostitution.

Obwohl die genannten Störungen nicht nur infolge von sexuellem Missbrauch entstehen können, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Missbrauchsopfer unter einem oder meist mehreren dieser Symptomen leiden, deutlich erhöht.

(aus: Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen; eine Informationsbroschüre der Senatsverwaltung Für Jugend und Familie, Berlin 1992)

Dieser Text wurde in inhaltlicher Verantwortung erstellt von Mario Maier von der Fachhochschule Esslingen, Hochschule Für Sozialwesen. Zur Basisseite über sexualisierte Gewalt der FH Esslingen geht's mit diesem Link.

Hier finden Sie eine Studienarbeit zum Thema "Mutismus" als mögliche Folge sexualisierter Gewalt


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