|












| |
Sexualisierte Gewalt an Mädchen
Unser
kleines Geheimnis ...
Die Gefühle des Opfers
Der Täter gestaltet den Übergang von
Zärtlichkeiten, die das Kind mag, zum Missbrauch oft fließend. Die Mädchen und
Jungen spüren, dass etwas nicht stimmt, sind verwirrt und bestürzt, glauben
aber, sich geirrt zu haben, hoffen, dieses seltsame Verhalten des Erwachsenen
hört bald auf. Meist wagen sie nicht, sich zu wehren, weil sie vielleicht den
Täter lieben, weil sie ihm vertrauen, weil sie gelernt haben, zu gehorchen. Aber
jedes Kind sendet in dieser Situation Signale des Unwillens und der Abwehr aus.
Geht der sexuelle Missbrauch weiter, nehmen Angst und Widerwillen zu. Der Täter
redet dem Kind Schuldgefühle ein Er sagt vielleicht: "Du willst das doch auch!
Du hast Dich nicht gewehrt!" Viele Mädchen und Jungen haben gelernt, dass
Erwachsene immer recht haben und so suchen sie die Schuld bei sich: "Was habe
ich falsch gemacht, dass er so etwas mit mir macht?"
Die Mädchen und Jungen schämen sich,
weil sie glauben, schmutzig zu sein. Auch dieses Gefühl erzeugt der Täter. Mit
der Zeit verlieren die Kinder das Vertrauen in andere Menschen, sie sind immer
auf der Hut, immer misstrauisch. Aber sie verlieren auch das Vertrauen in sich
selbst, denn sie zweifeln oft an ihrer eigenen Wahrnehmung. Der Täter sagt: "Das
ist schön, was wir machen". Das Kind fühlt : "Es ist eklig und tut weh". Da das
Kind abhängig ist vom Erwachsenen, ist es gezwungen, ihm zu glauben und denkt:
"Er hat recht und ich spinne". Oft sind betroffene Mädchen und Jungen ganz hin-
und her gerissen in ihren Gefühlen. Sie bekommen vom
Täter auch Aufmerksamkeit, er unternimmt viel mit ihnen, macht Geschenke oder
widmet ihnen Zeit. Sie mögen es, verwöhnt zu werden und verabscheuen
gleichzeitig die sexuellen übergriffe, glauben aber, damit Für die Zuwendung
"bezahlen" zu müssen. Das Mädchen oder der Junge lebt in ständiger Angst und
Unsicherheit, fühlt sich hilflos und ohnmächtig den entsetzlichen übergriffen
ausgeliefert und glaubt noch, selbst dran schuld zu sein. In dieser Situation
versucht der Täter, das Kind mit allen Mitteln zu hindern, sich jemandem
anzuvertrauen. Er erpresst mit Liebe und Zuneigung: "Du hast mich doch liebt.
Wenn du was sagst, werde ich krank, ... bin ich ganz traurig ... komme ich ins
Gefängnis." Er entfremdet das Mädchen oder den Jungen von seinen engsten
Vertrauenspersonen: "Wenn Du was sagst, hat der Papa Dich nicht mehr lieb, ...
kommst Du ins Heim, ... stirbt die Mama vor Kummer." Er macht noch mehr
Schuldgefühle: "Wenn Du was sagst, denken alle schlecht von Dir, niemand will
mit Dir etwas zu tun haben. Alle werden denken, Du lügst." Er bedroht: "Wenn Du
was sagst, schlag ich Dich tot." Er macht Angst: "Wenn Du was sagst, bring ich
Dein Meerschweinchen um."
Der Zwang, das schreckliche Geheimnis
zu wahren, belastet betroffene Kinder in höchstem Maß. Wenn hinzukommt, dass im
Umfeld der Mädchen und Jungen, z.B. im Kindergarten, in der Schule oder in der
Familie nicht angemessen über Sexualität, Gewalt oder gar sexuelle Gewalt
gesprochen wird, glauben viele betroffenen Mädchen und Jungen, sie seien die
einzigen, denen sexuelle Gewalt widerfährt. Sie fühlen sich einsam und allein,
von aller Welt im Stich gelassen. Und wenn sie trotz allem den Mut aufbringen,
etwas zu sagen oder anzudeuten, wird ihnen oft nicht geglaubt.
Dieser Text stammt aus der
Broschüre: "Gegen den sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. Ein Ratgeber
Für Mütter und Väter", herausgegeben von der
Aktion Jugend
Schutz.)
|