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‘Vatersehnsucht’ titelt
Amendt eine Sammlung von elf Essays. Amendt sucht darin Antworten auf die
Frage, was die Mutter-Sohn-Beziehung dazu beiträgt das Sein von erwachsenen
Männern zu erklären. Ein Aspekt dieser Beziehungsstruktur ist der verdrängte
Vater. Verdrängt nicht nur verstanden als psychisches Konstrukt, sondern
auch körperlich und strukturell innerhalb der Familien.
Die Untersuchung des
Mutter-Sohn-Verhältnisses, um Aussagen über den Vater treffen zu können,
begründet Amendt damit, dass der Vater nur über die Mutter sichtbar wird (S.
6). So erklärt es sich, dass er zur Bestimmung der ‘Väterfrage’ von ihm
durchgeführte Befragungen von Mütter n und Söhnen als Stütze seiner Gedanken
heranzieht.
‘Vatersehnsucht’ versteht
Amendt nicht im Sinne des auf Mitscherlich zurück gehenden Begriffs der
‘Vaterlosen Gesellschaft’, bzw. deren Rezeption in den letzten Jahren, die
in Mittelpunkt stellten, dass die Väter dadurch, dass zumeist sie die
zentral Erwerbstätigen in der Familie sind, alltagsabwesend und nur in
Ausnahmesituationen anwesend sind (1). Auch ist Für ihn die
Diskussion über dieses Phänomen in Bezug auf die Entwicklung der
Geschlechtsidentität oder allgemeine Persönlichkeitsentwicklung nicht von
Relevanz.
„Wenn wir von Vatersehnsucht
sprechen, gleich wie sie zaghaft wahrgenommen oder starr verleugnet wird,
dann meinen wir den äußerst prekären Zustand, in dem die Väter nicht
ausreichend genug, vielleicht sogar
überhaupt nicht mehr als innere Bilder, nämlich symbolisiert in ihren
eigenen Kindern existieren. [...] Fehlende oder mäßig
aktive Väter stehen nicht Für Vaterlosigkeit noch eine vaterlose
Gesellschaft. Vaterlosigkeit hat auch nichts damit zu tun, ob Väter sich
beim Windeln der Säuglinge oder der häuslichen Arbeit nicht oder nicht im
Ausmaß der mütterlichen Erwartungen beteiligen. Das sind Angelegenheiten der
Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern und hängt davon ab, wie sie
Lasten und Freuden der Kindererziehung untereinander absprechen.
Vaterlosigkeit heißt, dass die Kinder innerlich von Mütterlichkeitsbildern
beherrscht werden, die kein anderes Bild neben ihr kennen. Allenfalls gibt
es Bilder von Väterlichkeit, die recht blass geraten sind. Unter
Vatersehnsucht können wir deshalb den kindlichen Versuch sehen, dem frühen
Eindruck der allmächtigen und alles gewährenden guten Mutter die eher
einschränkenden Sichten des Vaters, die aus einer völlig anders beschaffenen
Welt kommen, hinzuzufügen." (S.17)
Doch führt der Titel
‘Vatersehnsucht’ in die Irre. Der im Untertitel eingeführte Begriff der
Annäherung ist ernst zu nehmen, denn über weite Teile beschäftigt sich
Amendt mit den Mütter n. Selbst hinter Überschriften wie „Die Macht des
Mannes - die Ohnmacht des Vaters. Das Beispiel zur Neuen Männlichkeit"
verbergen sich Ausführungen über die Bedeutung oder, in Amendts
Begrifflichkeit, über die Macht der Mutter in Familienkonstellationen. Die
Verweise, dass die gesellschaftlich als ‘gut’ definierte Mütterlichkeit
weder eine machtlose - wie die fast vollständige Beherrschung aller
pädagogischer Einrichtungen durch Frauen zeige (S. 242) - noch eine
gewaltlose - wie die gesellschaftlich nicht wahrgenommenen doch verbreiteten
inzestuösen Beziehungen von Mütter n zu Söhnen belege (Kapitel VI, VII und
VIII) - bildet den eigentlichen roten Faden seiner Essays.
Zwei Aspekte erscheinen mir
in diesem Zusammenhang überaus bemerkenswert: Zum einen greift Amendt einen
Aspekt auf, der in der Debatte über sexualisierte Gewalt erst in letzter
Zeit an Bedeutung gewann, nämlich jenen, auch Frauen als Täterinnen zu
fokussieren und zum anderen jenen, darauf hinzuweisen, dass „Missbrauch" im
gesellschaftlichen Diskurs an die Ausübung körperlicher Gewalt gekoppelt
wurde. Leider verharrt Amendt bei diesen durchaus wesentlichen
Feststellungen. Nahe liegend erscheint mir indes, dass beides, also die
ausschließliche Fokussierung auf männliche Täter wie auf körperliche Gewalt,
eine Erklärung darin findet, dass die Thematisierung der alle
gesellschaftlichen Schichten durchziehenden sexualisierten Gewalt über die
Thematik Männergewalt gegen Frauen und in diesem Zusammenhang der
Institutionalisierung von Frauenhäusern, Eingang in den öffentlichen Diskurs
fand und damit aus einem eindeutig definierten Gewaltverhältnis.
Doch kann Amendt diesen
Schritt nicht gehen, da er eben die Eindeutigkeit dieses Gewaltverhältnisses
an sich in Zweifel zieht. Er sieht in der Gesellschaft ein „Bild [sic!]
gewalttätiger Männlichkeit" (S. 223) und Männern wie namentlich Theweleit,
Pilgrim und Kimmel, die dieses Gewaltverhältnis (selbstreflexiv) angehen,
wirft er vor, sie hätten sich „den Vorhaltungen der Frauen mit entblößter
Brust in masochistischer Manier ausgeliefert"; „[sie] haben [...] mit dem
traditionell wachem Gespür Für männliche Macht sich scheingrüblerisch
unterworfen; nämlich als geheime Vertraute - gehorsamst anempfohlen."
(S. 267).
Thesen und
Forschungsergebnisse wie etwa von Lothar Böhnisch und Reinhard Winter
(2) oder Constance Engelfried (3), die Gewalt als
immanenten Bestandteil männlicher Sozialisationsprozesse betrachten, werden
von Amendt ignoriert.
Alle qualitativen Studien
die sich bislang mit männlicher Sozialisation und biographischen Verläufen
beschäftigten, zeugen von einem besonderen Vater-Sohn Verhältnis. Die Männer
schildern ihre Väter oft als abwesend und distanziert. Trotzdem berichten
sie darüber hinaus sehr oft davon, wie sehr sie sich bemühten Aufmerksamkeit
von ihren Vätern zu erlangen. Karin Klees bringt dies auf den Punkt:
„Fast alle Männer setzten
sich während des Interviews intensiv mit der Person des Vaters auseinander,
analysierten den Charakter in Beziehung zu seiner Arbeit, seiner Ehe und
seinen Kindern. [...] Jede liebevolle Aufmerksamkeit des Vaters, die
geduldete Anwesenheit bei seinen Beschäftigungen, die Zuwendung beim
Spielen, Toben oder Geschichten erzählen hüteten die Männer wie einen
seltenen, wertvollen Schatz." (4)
Auch in unserer Forschung im
Projekt ‘Biografische Rekonstruktion nichtstereotyper männlicher
Sozialisationsprozesse’ erscheint dieses Vater-Sohn Verhältnis. Da erzählen
vierzigjährige Männer davon, dass sie ihre Ausbildung machten, ein Studium
absolvierten, ihren Doktortitel erwarben und dies alles, um endlich einmal
von ihrem Vater gelobt zu werden oder sie
berichteten, wie es in Männergruppen dazu kam, dass sie ihren doch nur mehr
fiktiven Vater anschrieen: „Du hast mir meine Kindheit gestohlen." Trotz
allem und auch dies ist in der psychologisch orientierten
Geschlechterforschung keine neue Erkenntnis, die Schuld an dem Erlittenen,
delegierten sie letztendlich an die Mütter (5).
Bei Amendt findet sich in
diesem Kontext folgende Aussage, die meines Erachtens zentral ist Für seine
weitere Analyse des Mutter-Sohn Verhältnisses:
„Vieles spricht dafür , dass
Männer wie Frauen über den Vater erzürnt sind und deshalb die Nützlichkeit
von Väterlichkeit bezweifeln. Aber gerade weil Zorn
so maßlos und Entwertung mitunter so bodenlos sind, scheinen mir Zweifel an
der Ursprünglichkeit dieser Gefühle angebracht. Wer es wahrnehmen will, kann
nämlich die andere Seite der Vaterenttäuschung erblicken: Eine tiefe
unerfüllte Sehnsucht nach dem Vater. [...].
Hier soll vielmehr der
Vermutung nachgegangen werden, dass die Abwertung des Vaters möglicherweise
einem anderen Zweck dient. Jenem Zweck nämlich, weniger erfreuliche
Erfahrungen mit der Mutter nicht unmittelbar wahrnehmen zu müssen." (S. 49)
Dieses Zitat scheint mir ein
zentraler Schlüssel zu den Überlegungen
Amendts zu sein in deren Zentrum steht, dass die Kritik am Verhalten der
Väter zu weit ging und gezielt ablenkte von den negativen Erfahrungen, die
Kinder mit den Mütter n machen. Amendt sieht derzeit eine von Kultur,
Politik und auch Wissenschaft gestützte „Vaterverachtung" (S. 11) in der
Gesellschaft und ist der Meinung, dass „man [sagen] könnte [..], daß das
Gebot, Du sollst Vater und Mutter ehren in der Moderne den Vater
ausschließt" (ebd.). Doch geht es hierbei nicht nur um die tradierte Form
von Vaterschaft, sondern Amendt ist der Überzeugung, dass sich die
Väterverachtung auf jedwede Vaterschaft erstrecke. So deutet er die Debatte
um die Nivellierung des Sorgerechts dahingehend, dass so
genannte ‚neue Vaterschaft’, also die Verantwortungsübernahme der
Väter in der Kindererziehung, von Frauen als „beunruhigend erlebt wird" (S.
28).
Für Amendt scheint es
unumgänglich, dass Kinder in ‚vollen Familien’ aufwachsen. Nur so ist es
möglich, sich vom Gegengeschlecht abzugrenzen und in der Auseinandersetzung
mit dem eigenen Geschlecht, die Persönlichkeit zu entwickeln. Mann und Frau
sind somit als Naturkonstanten nicht hinterfragbar und Für Amendt eben mehr
als ein soziales Konstrukt. Daher ist Für ihn die Diskussion um eine
Annäherung der zwei Geschlechter unter Schlagwort Androgynität fraglich, und
die in ihr formulierten Perspektiven bewertet er folgendermaßen: „Die
Vorstellung von androgynen Eltern legt nahe, dass Männer sich dem Weiblichen
annähern sollen" (S. 42).
Aus diesen Überlegungen
heraus setzt sich
Amendt mit Alleinerziehenden auseinander. Allein
erziehend heißt hier, allein erziehende Mütter .
Sicherlich ist es aufgrund der geringen Anzahl allein
erziehender Väter berechtigt, die allein erziehenden
Mütter verstärkt zu fokussieren, allerdings verwundert die
Ausschließlichkeit mit der dies in den Essays erfolgt.
Amendt schlägt darüber
hinaus eine Erweiterung des Begriffs ‚allein
erziehend’ vor und ist der Auffassung, dass hierunter auch scheinbar ‚volle
Familien’ fallen, in denen jedoch der Vater so weit zur Seite gedrängt
wurde, dass die Mutter allein die Gestaltung des Familienlebens übernommen
hat (S. 30f).
Für Kinder, deren Mütter
sich bewusst entschieden haben ihre Kinder ohne einen Vater aufzuziehen und
die nicht bereit sind eine Bindung mit einem anderen Mann einzugehen, befürchtet er, dass die Kinder in einer
„Atmosphäre verleugneter Väterlichkeit und des Männerhasses" (S. 39)
aufwachsen und über die Motive der Mütter , die einen
solchen Lebensentwurf wählen, schreibt er: „Ich vermute, dass die
uneingeschränkte Alleinherrschaft über die Kinder diese Gruppe von Frauen
trotz der zahlreichen Entsagungen motiviert." (S. 45). Um welche Frauen es
sich hierbei handelt, bleibt jedoch unklar. Möglich ist, dass er diese
Ausführungen auf lesbische Mütter bezieht. Jedoch spricht er das Thema
Homosexualität an keiner Stelle an. Deutlich wird hingegen, dass er die
Ansicht vertritt, dass Frauen ihre „Machtsphäre" (S. 53) mit Vehemenz auch
zu lasten des Kindeswohls verteidigen.
In dieser Atmosphäre des
alleinigen Zugriffs der Frauen auf die Söhne sieht Amendt die Gefahr, dass
die Söhne von den Mütter n zu ihren „geheimen Vertrauten" gemacht werden (S.
62 ff). An den geheimen Vertrauten werden die Wünsche der Mutter an das
männliche Geschlecht delegiert, er soll die Bedürfnisse der Mutter
befriedigen, die Kompetenzen erwerben, die sie beim Vater vermisst. Der Sohn
sieht in Folge seinen Vater als Mann, der die Mutter leiden lässt und muss
ihn deshalb noch weiter verachten.
Amendt beschreibt damit das
gesellschaftliche Phänomen, dass Söhne zum Partnerersatz der Mutter werden.
Jedoch sieht er dieses Phänomen als gezielt von der Mutter herbeigeführt an,
und es ist Für ihn eben nicht Ausdruck infolge kapitalistisch-patriarchaler
Gesellschaftsstrukturen, denen eine Außengerichtetheit männlicher
Aktivitäten und eine Bindung der Frauen an die Aufrechterhaltung der
häuslichen Familienstrukturen zugrunde liegt. Und eben in dieser von Mütter
macht bestimmten Familiendynamik finden sich auch übergriffe der Mütter
gegen die Söhne. So belegt Amendt mit Zahlen seiner Mütter Befragung, dass
12,6 % der Frauen in Westdeutschland den Penis ihres Sohnes küssen würden
(S.159) und weist darauf hin, dass viele der Handlungen, die von den Mütter
n sexualisiert würden, im Kontext von Reinlichkeitsritualen stehen würden.
über die Väter sagt er, sie würden dieses oft tolerieren, da die Formen
weiblicher übergriffe nur selten Geschlechtsverkehr beinhalten würden. Im
weiteren Verlauf werden diese Fälle von ihm ausführlich dargestellt (S. 176
ff).
„Die Übernahme patriarchaler
Männlichkeit und sie begleitender Gewalt ist nicht unvermeidbar, weil sie
sozial hergestellt und damit auch veränderbar ist. Wenn daher darauf
verzichtet würde, von Jungen zu erwarten, Männlichkeitskriterien nach
patriarchalen Mustern zu erfüllen, und wenn Jungen erlaubt würde, ihre
männliche Identität nach ihrem eigenen Erleben selbst zu bestimmen, dann
würde dies vermutlich eine enorme Entlastung Für Jungen bedeuten. Erst durch
eine solche Offenheit würde es ihnen möglich werden, gemeinsam mit Mädchen
ihre Persönlichkeit und Identität nach Maßgabe ihrer realen Empfindungen
sowie entlang konstruktiver sozialer Prozesse zu entwickeln." (6)
Anita Heiliger und Constance
Engelfried legten 1995 eine Studie unter dem Titel
‚Sexuelle Gewalt. Männliche Sozialisation und potentielle Täterschaft’ vor.
In dieser qualitativen Untersuchung versuchten sie anhand männlicher
biographischer Verläufe Thesen zu entwickeln, in welchem Verhältnis die
Entwicklung von Männlichkeiten und Gewalttätigkeit zueinander stehen. Zudem
versuchen sie Perspektiven Für die Entwicklung eines demokratischen
Geschlechterverhältnisses zu skizzieren. Eben dieses wird von Amendt in
einem seiner Essays aufgegriffen.
Die Ausführungen über eine
Veränderung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses subsumieren
Heiliger und Engelfried unter der Überschrift ‘Eine Entpatriarchalisierung
von Männlichkeit ist gefordert’. Bedingung einer solchen
‘Entpatriarchalisierung’ ist Für sie ein „Bruch mit dem allgemein als
selbstverständlich vorausgesetzten Konsens über die Überlegenheit des Mannes
über die Frau". (7) Die ‘überlegenheit’ gilt es gesellschaftlich
zu dekonstruieren, ihr die ‘GlaubwÜrdigkeit’ zu nehmen. Dann wäre es nur
mehr ein ‘kleiner Schritt’ Für die einzelnen Männer, sich „von antiquierten
Herrschafts-, Schutz- und Kampffunktionen zu befreien" (ebd., S. 212).
Heiliger und Engelfried ist bewusst, dass die anstehenden Schritte zur
Veränderung insgesamt nicht ‘klein’ sind, sondern es um eine grundlegende
Veränderung traditioneller Männlichkeit geht. In den Mittelpunkt der
konkreten Aufgaben einer Veränderung der traditionellen Männlichkeit stellen
sie die Möglichkeit Für die Jungen, Emotionalität und Empathie zu erlernen
und Für diese Fähigkeit Bestätigung zu erhalten. Als wichtig hierbei
erachten sie in Rückgriff auf ihre Forschungsergebnisse die Anwesenheit von
einem „zu herzlichem körperlichem Kontakt fähigen Vater". (8) Sie
fordern von den Vätern wie auch von den männlichen Fachkräften der
schulischen sowie außerschulischen Jugend- und Bildungsarbeit „sich
selbstreflexiv einzubringen und sich gemeinsam mit den Jungen auf eine
Identität hinzubewegen, die Männlichkeit neu definiert und sich von Sexismus
und Gewalt distanziert". (9)
Gerhard Amendt greift unter
der Überschrift ‚Einfühlungsvermögen’
die Studie Heiliger und Engelfrieds auf. Er sieht in ihren Positionen eine
„geschlechter- und familienpolitisch instrumentalisierte Version von
kindlicher Desidentifikation" (S. 93). Heiliger und
Engelfrieds Forderung, dass den Jungen die Möglichkeit zu geben sei,
Emotionalität und Empathie zu erlernen, interpretiert Amendt als Aussage,
„dass Jungen bis ins Alter der Pubertät bei der Mutter verbleiben sollen,
damit die Identifizierung mit ihr nicht abbricht" und
weiter „Deshalb schlagen die beiden Autorinnen vor, dass erst in der
Pubertät den Söhnen der Weg zur Identifikation freigegeben werden sollte.
Wenn man diese Perspektive wörtlich nimmt, dann müssen die Söhne nicht nur
räumlich vom Vater getrennt werden, sondern es muss Vorsorge getroffen
werden, dass sie sich an seiner patriarchalisch strukturierten Männlichkeit
nicht anstecken" (S. 93 f). Es fällt schwer nach den oben angeführten
Zitaten aus der Studie Heiliger und Engelfrieds nachzuvollziehen, wie Amendt
dazu kommt sie so zu interpretieren. Seine massive Ablehnung der Studie
kommt insbesondere darin zum Ausdruck, dass er den Autorinnen unterstellt,
Männlichkeit als Krankheit anzusehen. Beleg hierfür
sind die Verwendung der Begriffe „Vorsorge" und
„anstecken", die eindeutig dem medizinischen Diskurs zuzuordnen sind. Amendt
bleibt auch in seinen weiteren Ausführungen in diesem Bild, in dem er
behauptet, Heiliger und Engelfried würden die Ansicht vertreten, dass
„’positive Mütterlichkeit’ gegen die destruktive Patriarchalität
immunisiert" (S. 94). Indem er mit diesen Begriffen operiert, wertet er
nicht nur die Studie der Autorinnen ab, sondern greift sie als Personen
direkt an. Es grenzt an Demagogie oder eine Verschwörungstheorie, den
Autorinnen zu unterstellen, sie wollten die Krankheit ‚Männlichkeit’ – ja
was? – ausrotten? Zumindest aus einem ethischen, verantwortungsbewussten
Blickwinkel ist Amendts Vorgehen nicht zulässig.
Im neunten der elf Essays
setzt sich Amendt mit Pädophilie auseinander. Dieses Essay soll hier erwähnt
werden, da es einige m.E. bemerkenswerte Gedanken beinhaltet. In diesem
Essay wendet sich Amendt massiv gegen alle Versuche, Pädophilie zu
verharmlosen. Amendt sieht als Schwierigkeit in diese
Debatte einzugreifen jene „Gradwanderung zwischen liberalisierter
Sexualmoral und Pädophilie" (S. 188); es gilt folglich zu verhindern, dass
die gerade erst ins Bewusstsein gerückte kindliche Sexualität erneut
verdrängt wird und gleichzeitig Pädophilie vehement zurück zuweisen und
anzugreifen. In diesem Zusammenhang sieht Amendt derzeit die Forderungen
nach Strafverschärfung Für sexualisierte Gewalt gegen Kinder bei
gleichzeitiger ‚Trivialisierung’ von Pädophilie nicht zuletzt in den Medien.
Eine Ambivalenz die dazu führe, dass sich selbst im Alltagshandeln die
Einordnung von Grenzen und Grenzüberschreitungen beginne sich am
Strafgesetzbuch zu orientieren (S. 190). Für Amendt gilt jedoch: „Die
einzige Grenzziehung zwischen Zärtlichkeit und Missbrauch, die inhaltlich
tragfähig ist, ist jene, die mit einem wohl begründeten Kindswohl
argumentiert" (S. 191). Pädophilie ist Gewalt und nichts anderes.
In der Erklärung, warum
Männer zu Pädophilien werden, macht es sich Amendt einfach:
„Was der pädophilie Mann tut, ist das Spiegelbild dessen, was seine
Mutter mit ihm tat. [...]. Die pädophil gewordenen Söhne hatten keine
Chance, sich ihren Einwirkungen zu entziehen. Sie waren zu schwach und der
Vater hielt sich fern" (S. 217).
Essays sind keine
wissenschaftliche Abhandlung im strengen Sinne. In ihnen wird Neues
entwickelt, wird sich aus dem Fenster gelehnt, Gedanken werden - reiflich
überlegt, doch ohne Anspruch belegt zu sein - zur Diskussion gestellt.
Dadurch haben Essays oft einen Vorteil: sie sind ehrlicher; in ihnen darf
der Verfasser sich in seiner ganzen Subjektivität ‘austoben’. Gerhard Amendt
tut dies. In manchen Passagen lässt sich der Eindruck gewinnen, er schreibe
nicht, sondern male. Z.B. wenn er schildert, dass viele Männer Probleme
haben vor dem „fußballfähigen Alter" mit ihren Söhnen etwas anzufangen. Eine
neue ontogenetische Phase ist entdeckt: die „Fußballreife" (S. 20).
Doch noch mehr als er malt,
positioniert er sich, wertet er und ordnet ein. So ist vom „verdammenden
Feminismus" die Rede, vom „sprachlosen männlichen Wegducken" (S. 8) oder
auch den „wohlstandsverwahrlosten Jugendlichen der Mittelschicht" (S. 254).
So emotionalisiert Amendt seine Ausführungen; gut und böse werden klar
zuordbar. Wobei er gerade dieses, die wertenden Urteile, die Festschreibung
moralinsaurer Einteilungen anderen, wie z.B. Anita Heiliger und Constance
Engelfried vorwirft.
Den Großteil der von Amendt
in den Essays ausgeführten Gedanken - dies sollte deutlich geworden sein -
kann ich nicht teilen. Dies bezieht sich auf das Dargestellte, aber auch auf
die Kapitel, die hier nicht näher behandelt worden. Mir blieb bei der
Lektüre unverständlich, warum der Frauenarzt der Prototyp moderner
Männlichkeit sein soll, der in seiner Profession jenes auslebt, was er in
der engen Beziehung zur Mutter in der Kindheit erlebte; mir wurde nicht
zugänglich, warum afro-amerikanische Jugendgangs in den us-amerikanischen
Ghettos als Symbol des Vaterverlustes und gescheiterter - weil auf die
Mutter bauender - Sozialpolitik stehen und ein Film über eine italienische
Jugendgang dies besonders gut zum Ausdruck bringt sowie vieles mehr. Es wäre
angemessen eine Rezension abzuschließen mit einem abrundenden Satz, bspw.
dass die Essays provokativ und diskussionsanregend sind. Dies sind sie
sicherlich. Doch - dies mag durchaus eine unwissenschaftliche Haltung sein
und mag mir den Vorwurf einer dogmatischen-politischen Haltung einhandeln -
bei vielem ist mir nicht klar, ob ich darüber überhaupt noch diskutieren
möchte.
Fußnoten:
1 Für den Vater gilt: „Das
einzig Konkrete an ihm ist seine Nichtexistenz" (Schnack/Neutzling: Kleine
Helden in Not; 1990, S. 73).
2 Böhnisch, Lothar; Winter,
Reinhard: Männliche Sozialisation. Bewältigungsprobleme männlicher
Geschlechtsidentität im Lebenslauf. Weinheim; MÜnchen 1993
3 Engelfried, Constance:
Männlichkeiten. Die Öffnung des feministischen Blicks auf den Mann.
Weinheim; MÜnchen 1997
4 Klees, Karin:
Partnerschaftliche Familien. Arbeitsteilung, Macht und Sexualität in
Paarbeziehungen. Weinheim; MÜnchen 1992, S. 122f)
5 vgl. Pech, Detlef: Selbst
ist der Mann. In: Deutscher Frauenrat (Hg.): Adams nachhaltige Erneuerung.
Bonn: 1999
6 Heiliger, Anita; Engelfried,
Constance: Sexuelle Gewalt. Männliche Sozialisation und potentielle
Täterschaft. Frankfurt a.M./New York 1995 S. 211
7 ebd.
8 Heiliger/Engelfried a.a.O.,
S. 214
9 Heiliger/Engelfried a.a.O.,
S. 214
Detlef Pech, *1970;
Diplom-Pädagoge und Diplom-Sozialwissenschaftler; Wissenschaftlicher
Mitarbeiter im Forschungsprojekt
‚Biografische Rekonstruktion nichtstereotyper männlicher
Sozialisationsprozesse’ an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg;
pädagogische Tätigkeit in der Jungen- und Männerarbeit, u.a. im Bereich der
Prävention sexualisierter Gewalt. (Wir berichteten in Ausgabe 1/2000 darüber!) |