Sexueller
Missbrauch an Jungen
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gefunden.
Autor: Thorsten Kruse
Die Tatsache, dass auch Jungen Opfer
sexualisierter Gewalt werden, ist mittlerweile zwar bekannt, aber noch längst
nicht immer wirklich anerkannt. Zum Teil resultiert diese Nicht-Anerkennung aus
der Unsicherheit der Öffentlichkeit über das tatsächliche Ausmaß der
sexualisierten Gewalt gegen Jungen. Hinzu kommen falsche Vorstellungen und
Klischees hinsichtlich sexualisierter Gewalt an Jungen, die der Anerkennung der
Betroffenheit von Jungen entgegenstehen. Ich werde daher zunächst einen kurzen
überblick über Zahlen und Daten, bezogen auf die sexualisierte Gewalt gegen
Jungen, geben und komme dann zu den angesprochenen Vorstellungen und Klischees.
Das Ausmaß der sexualisierten Gewalt
gegen Jungen
Trotz unterschiedlich verwendeter
Definitionen und unterschiedlicher Befragungsmethoden zeigen internationale und
deutsche Untersuchungen zur sexualisierten Gewalt gegen Jungen übereinstimmend,
dass 8-10 % der befragten Männer sexualisierte Gewalt erfahren mussten.
Dunkelfeldschätzungen gehen davon aus, dass jeder fünfte bis achte Junge
sexualisierte Gewalt erlebt.
Dauer von sexuellem Missbrauch
Einen einmaligen übergriff erlebten
etwa die Hälfte der jeweils befragten Männer. Bei den Übrigen vollzog sich der
Missbrauch zum Teil über Jahre. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es einen
Zusammenhang zwischen dem Bekanntheitsgrad des Täters/der Täterin und dem Opfer
und der Dauer des Missbrauches gibt. Je enger die Beziehung zwischen Opfer und
Täter/Täterin, desto länger dauert in der Regel der Missbrauch und desto
häufiger findet er statt.
Das Alter der Opfer
Das Durchschnittsalter von
Missbrauchten Jungen liegt zwischen 10 und 12 Jahren, so die Ergebnisse der
Untersuchungen. Allerdings werden Jungen genau wie Mädchen schon als Säuglinge
und Kleinkinder Missbraucht. Auch ihre Jugendlichkeit schützt sie nicht vor
sexuellem Missbrauch.
Soziale Orte sexuellen Missbrauch
Nur etwa 15 % der befragten Männer
erlitten sexualisierte Gewalt durch Fremde, die Übrigen hatten bereits vorher
eine Beziehung zu dem Täter oder zu der Täterin. Da Jungen etwa zu 20 % von
Familienmitgliedern Missbraucht werden, liegt die Haupttätergruppe im
außerfamiliären Nahraum. Außerfamiliär ist hier aber nicht gleichzusetzen mit
geringerer intensiver Beziehung, denn gerade Jungen suchen sich häufig außerhalb
der Familie eine erwachsene Bezugsperson, zu der sie engen Kontakt haben.
Anteil Täter und Täterinnen
Nach bisher vorliegenden Ergebnissen
liegt der Anteil von Frauen an der gesamten Täterschaft (Mädchen und Jungen)
etwa bei 10 %, d.h. 90 % sind männliche Täter. Es scheint so zu sein, dass
Jungen häufiger als Mädchen von Frauen Missbraucht werden.
Alter der Täter (Täterinnen)
Bei etwa 30 Jahren liegt das
Durchschnittsalter der Täter. Allerdings gaben ein Drittel der befragten Männer
an, von anderen, älteren Kindern oder Jugendlichen, sexuell Missbraucht worden
zu sein. Hier liegt eine große Schwierigkeit. Denn auf der einen Seite sollte
die auf Neugier und gegenseitige Zustimmung beruhende Sexualität von Kindern und
Jugendlichen nicht abgestempelt oder gar verboten werden, auf der anderen darf
man sie aber auch nicht bagatellisieren, wenn deutliche Altersunterschiede
bestehen und die sexuellen Handlungen irgendeine Form von Zwang beinhalten. Zu
dem Alter der Täterinnen gibt es bisher noch zu wenig Informationen und
Untersuchungen.
Hinsichtlich der
sexualisierten Gewalt an Jungen gibt es leider immer noch eine Reihe von
Vorurteilen, Abwehrhaltungen und falschen Bildern. Viele Menschen wissen heute
zwar, dass auch Jungen sexuell Missbraucht werden, aber dieses Wissen ist noch
nicht mit einem tatsächlichen Bewusstsein dafür verknüpft. So gibt es einige Klischees, Erwartungen und Bilder von
der herkömmlichen Männlichkeit, die einer Bewusstseinsbildung Für die
Betroffenheit sexuell Missbrauchter Jungen entgegenstehen. Denn diese Bilder und
Erwartungen werden sehr häufig automatisch auch auf Jungen übertragen (wer kennt
nicht die Anrede "kleiner Mann" Für Jungen) und damit auch Für sie geltend
gemacht.
Die Klischees lauten stichwortartig:
- Jungen sind keine Opfer.
- Sind Jungen doch zu Opfern
geworden, hatten sie selber schuld, weil sie sich nicht richtig gewehrt haben.
- Sexuell Missbrauchte Jungen wissen
sich selber zu helfen.
- Jungen verarbeiten sexuellen
Missbrauch leichter als Mädchen.
- Jungen wissen früh über Sexualität
Bescheid und können deswegen sexualisierte Gewalt auch als solchen einordnen.
- Jungen wollen den Sexualkontakt und
empfinden ihn als angenehm, insbesondere dann, wenn sie von einer Frau
Missbraucht werden.
- Männliche Täter, die Jungen
Missbrauchen, sind schwul.
- Frauen Missbrauchen Jungen nicht,
sondern führen sie in die Sexualität ein.
- Männliche Sexualität und damit auch
die Sexualität von Jungen ist rein genital ausgeprägt. Sexueller Missbrauch
ist aus diesem Grund nur Missbrauch, wenn er genital ausgerichtet ist.
- Missbrauch
Diese Vorstellungen entspringen zum
größten Teil einem Bild von herkömmlicher Männlichkeit. Dieses beinhaltet Normen
wie: Männer sind stark und können sich wehren; Männer sind keine Opfer von
Gewalthandlungen, sondern nur Täter; mit Verletzungen _ physischen und
psychischen _ werden sie leicht fertig; Männer haben immer und überall Lust auf
Geschlechtsverkehr; eine Erektion zu haben bedeutet, sexuell erregt zu sein;
Männer wissen alles über Sexualität; Männer ergreifen immer die Initiative und
Männer sind gefühlskalt. Solche Normen und Erwartungen
von Männlichkeit führen zu den oben erwähnten Klischees
und blockieren damit häufig den notwendigen Schritt von dem kognitiven Wissen
über sexuellen Missbrauch an Jungen zu der tatsächlichen Verinnerlichung dieser
Tatsache. Leider gilt sogar Für einige professionelle Helfer und Helferinnen,
dass sie nicht frei von Vorurteilen Jungen gegenüber sind. Denn diese teilweise
tief verinnerlichten Bilder lassen sich nur schwer abbauen und bedürfen einer
intensiven Selbstreflexion.
Leidtragende sind die betroffenen
Jungen, die in doppelter Hinsicht um eine Anerkennung als Opfer von sexuellem
Missbrauch kämpfen müssen. Einmal in Bezug auf die Tatsache überhaupt, dass sie
Missbraucht werden, und zum anderen, dass sie als Jungen (also trotz des
Jungen-Seins) betroffen sind.
Sexueller Missbrauch löst bei Jungen
wie bei Mädchen unangenehme Gefühle aus, die Für sie zum Teil sehr verwirrend
sein können. Sie fühlen sich verraten, schämen sich und sind verletzt. Manche
Jungen fühlen sich Für das, was ihnen passiert ist, mitschuldig, weil sie
meinen, sich nicht richtig gewehrt zu haben, oder weil sie teilweise während des
Missbrauches eine Erregung gespürt haben. Gerade auch wenn die Jungen eine
Erektion gehabt haben, reden ihnen die Täter oder Täterinnen ein, dass sie "es
doch gewollt haben und es ihnen Spaß gemacht hat". Eine fast perfekte
Täter-Opfer-Umdrehung, die die Jungen an ihrer Wahrnehmung und an sich selbst
erheblich zweifeln lässt.
Viele Jungen haben nach dem sexuellen
Missbrauch durch einen Mann Angst davor, schwul zu sein. Sie müssen
den Täter sexuell gereizt haben, so lautet häufig ihre Erklärung. Sie werden
damit mit einer der belastendsten Jungenängste konfrontiert. "Schwul sein"
bedeutet Für sehr viele Jungen nicht männlich zu sein. Das Schimpfwort "du
Schwuler" ist ein diffuser, aber sehr mächtiger Angriff auf die
Geschlechtsidentität eines Jungen. In der Arbeit und dem Kontakt mit den Jungen
ist es wichtig, sowohl diese Ängste ernst zu nehmen, als auch zu versuchen, die
Homophobie abzubauen. Denn sie verwehrt den Jungen zärtliche und weiche
Körpererfahrungen mit anderen Jungen. Zärtliche Bedürfnisse untereinander können
die Jungen dann nur realisieren, wenn sie sie mit Aggression überdecken, wie zum
Beispiel in einem Ringkampf.
Sexuell Missbrauchte Jungen fühlen
sich hilflos und ohnmächtig, Für einige stellt der Missbrauch eine traumatische
Erfahrung dar. Diese Gefühle passen nicht zu dem herkömmlichen Bild von
Männlichkeit, verunsichern die Jungen, lösen erhebliche Selbstzweifel aus und
führen dazu, dass viele Jungen sich nicht trauen, über das Erlebte zu sprechen.
Denn wenn sie es täten, müssten sie sich selber eingestehen, hilflos und schwach
zu sein, oder sie Fürchten, von der Umwelt als Schwächlinge angesehen zu werden.
Ich denke, aus dem oben Skizzierten
wird deutlich, dass sexuell Missbrauchte Jungen Hilfe und Unterstützung
brauchen. Sie benötigen Menschen, die ihnen zuhören, sich ihrer annehmen, denen
sie vertrauen können und die ihnen vor allen Dingen glauben. Auch wenn es in der
BRD immer mehr Beratungsstellen gibt, die sowohl Für Mädchen als auch Für Jungen
arbeiten, gibt es bisher keine Beratungsstelle, die sich explizit nur an Jungen
wendet. Gerade sie hätte aber eine öffentliche Signalwirkung, die nicht nur den
Jungen deutlich macht, dass sie Hilfe und Unterstützung benötigen.
© Torsten Kruse von Widerspruch (eine
Einrichtung, die Aus- u. Weiterbildungsangebote in dem Bereich
kritisch-solidarische Männer- u. Jungenarbeit mit dem Schwerpunkt sexualisierte
Gewalt anbietet) c/o Consult Büro Kiel Königsweg 9 24103 Kiel Tel.: 0431/678258
Fax: 0431/674943
Die Daten sind aus folgenden Büchern
bezogen: - Ulrike Brockhaus / Maren Kolshorn: Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und
Jungen. Mythen, Fakten, Theorien. Campus Verlag. - Julius, Boehme: Sexueller
Missbrauch an Jungen - Eine kritische Analyse des Forschungsstandes
Links zum
Thema:
Sexueller Missbrauch an Jungen und kritische Literatur zum Thema Männlichkeit
Eine Studienarbeit zur Thematik finden Sie hier
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