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Erfahrungen und Ideen aus der pädagogischen Praxis Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie sind auf einer Klassenfahrt oder Jugendfreizeitreise als LehrerIn oder BetreuerIn. Die Gruppe besteht aus Mädchen und Jungen im Alter von ca. 14 Jahren. Ein Mädchen beginnt sich mit scharfen Gegenständen die Arme aufzuritzen, kurze Zeit später folgen ihr einige Mädchen in diesem Verhalten... Welche Gefühle/Gedanken habe ich? überkommt mich ein großer Schrecken, weil das Mädchen offenkundig keine andere Form des Ausdrucks findet, über dahinter liegende Probleme zu sprechen? Will sie eigentlich mit mir sprechen oder mir nur zeigen, dass sie Hilfe braucht? Will sie überhaupt Hilfe annehmen? Fühle ich mich verantwortlich/schuldig, weil dieses Verhalten in meiner Wahrnehmung erst auf der Reise auftritt? Muss ich die Eltern informieren? Muss ich das Mädchen von der Gruppe trennen, damit der „Domino-Effekt“ aufgehalten werden kann? Muss ich die Reise am Ende abbrechen? Fühle ich mich hilflos? Fühle ich mich kompetent mit diesem Phänomen umzugehen? Was tun? Reichen Gespräche über Ursachen dieses Verhaltens? Sind Gespräche über mögliche Folgen sinnvoll? Wie wird das Gesprächs-Setting?: In der gesamten Gruppe oder lieber nur mit den betroffenen Mädchen oder besser einzeln? Ist diese Reise geeignet Für solche Gespräche? Muss da nicht professionelle Hilfe aufgesucht werden? Oder besser das Ganze „übersehen“ und gar nicht darauf eingehen in der Hoffnung, dass das Verhalten aufhört, wenn ihm keine Beachtung beigemessen wird? In der Literatur finden sich viele Hinweise
auf Ursachen und therapeutische Intervention, leider Zunächst einmal muss deutlich gesagt werden, dass es Für den oben geschilderten Fall kein „Rezept“ gibt, wie sinnvoll reagiert werden kann oder sollte. Dies ist von verschiedenen Faktoren abhängig:
Folgende Punkte erscheinen als Reaktion sinnvoll:
Sofern ein weiterer beständiger Kontakt mit dem betroffenen Mädchen besteht, ist er erforderlich, pädagogisch auf das Selbstverletzende Verhalten zu reagieren. Hierzu findet sich ein Hinweis auf der Seite der österreichischen Schulpsychologie unter http://www.schulpsychologie.at/Selbstverletzendes_ Verhalten4.htm : „Wichtig Für Bezugspersonen, Erzieher/innen, Lehrer/innen ist die undramatische, beständige Begleitung, die Hilfe zum Abbau von Spannungen und Angst, die Hilfe zum Erlangen von kompetentem Umgang mit den eigenen Gefühlen, zur Fähigkeit sich zu schützen u.v.a.m.“. Leider eine sehr knappe Schilderung, die nichts darüber verrät, was unter einer ‚undramatischen, beständigen Begleitung’ zu verstehen ist. Anregungen (von Betroffenen) Für akute Fälle, in denen sich jemand selbst verletzen möchte finden sich auf den Seiten Für Essstörungen http://www.magersucht-online.de/ und http://www.bulimie-online.de/. Sie könnten in dem oben geschilderten Kontext hilfreich sein und dem Mädchen Anregungen geben, wie sie ihr Verhalten verändern/kontrollieren kann. Auszugsweise im Folgenden: Unmittelbare Hilfe beim Drang zu Selbstverletzung: Wenn du den Drang verspürst, dich selber verletzen zu wollen, dann versuche folgendes, statt ihm nachzugeben:
Auf der Internetseite des Facharztes Für Psychiatrie u. Neurologie Hans Andritsch, Psychotherapeut am Landesnervenkrankenhaus, Graz, Österreich (http://www.andritsch.at/psychiatrie/SVV/SVVStopp.html) gibt es weitere Erklärungen und Hinweise. Hier auszugsweise: „Wie stoppe ich selbstverletzendes Verhalten?" Es gibt da verschiedenste Wege aus dieser Krise zu kommen. Eine bevorzugte Technik ist es, etwas zu tun, was keine Selbstverletzung ist, aber trotzdem noch ein intensives Gefühl erzeugt. zum Beispiel:
Diese Strategien funktionieren, weil die Gefühle welche selbst verletzendes Verhalten auslösen sehr intensiv sind und weiterhin vorhanden sind. Die intensiven Gefühle kommen und gehen wie Wellen und wenn man solch einer Welle widerstehen kann, hat man eine Ruhepause vor der nächsten. Um so mehr Wellen man durchhalten kann ohne schwach zu werden, um so stärker wird man. Aber es taucht folgende Frage auf - sind diese Dinge wie kalte Dusche, Eis ... nicht gleichwertig wie wenn man sich ritzt ...? Der Hauptunterschied ist, dass dies keine andauernden Folgen (Wunden) macht. Wenn man eine handvoll Eiswürfel an den Körper drückt oder Finger Für einige Minuten in Eiscreme steckt, schmerzt es wie ein Ritzer, aber es hinterlässt keine Narbe. Es bleibt nichts zurück weshalb man sich anschließend rechtfertigen muss. Man braucht sich anschließend nicht schuldig fühlen - man ist halt ein wenig narrisch - aber man ist stolz, dass man eine Krise ohne Ritzen überstanden hat - ohne Schuldgefühle. Diese Art von Verschiebung dient nicht dem Zweck die Wurzeln des Selbstverletzenden Verhalten zu heilen. Denn du kannst keinen 10.000 Meter- Lauf machen, wenn du zu müde bist den Raum zu durchqueren. Diese Technik hilft dir aber, um durch diese Situation zu kommen, wo es dir schlecht geht. Es verhindert, dass die Situation noch schlimmer wird. Sie sind eine Trainingsstrecke welche dich lehrt, dass du durch Krisen kommst ohne dich zu verletzen. Du kannst dies verfeinern bessere Bewältigungsstrategien ausarbeiten. Später, wenn der Drang zur Selbstverletzung nachlässt und verschwindet hast du Kraft vieles aufzuarbeiten. Nutze diese Methode um dir selbst zu zeigen, dass du mit Belastungen ohne selbst verletzendes Verhalten umgehen kannst. In der nächsten Krise wird der Drang geringer werden. Die erste Aufgabe, wenn du entscheidest, das SVV zu stoppen ist: Den Kreislauf, das Muster zu durchbrechen - neue Wege zu finden. Du musst daran arbeiten - es kommt nicht von selbst. Du kannst es nicht nur in der Theorie machen - es ist harte Arbeit. Du musst bereit sein die Wand zu durchbrechen, zu arbeiten. Du selbst musst was anderes tun. Wenn wieder einmal das Gefühl aufkommt und du etwas Scharfes siehst, musst du bereit sein etwas anderes zu tun. Du siehst, dass du wählen kannst. Dies nimmt dir das Gefühl des Ausgeliefertseins. Aber was kann man alternativ tun? Zuerst nimm dir einige Momente Zeit um zu schauen, was hinter dem Drang steht - was du im Moment fühlst. Wie fühle ich mich ? Bin ich zornig? frustriert ? ruhelos ? traurig ? Hab ich nur Ritzverlangen ? Fühle ich mich abgehoben ? Fühle ich mich gefühllos ? Spüre ich mich nicht? Als nächstes: Verbinde Aktionen mit dem Gefühl z.B. Wenn du zornig frustriert, ruhelos bist:
Wenn du dich traurig, deprimiert, unglücklich fühlst: Mache etwas ruhiges, besänftigendes z.B.:
Extremes Verlangen, Gier, Gefühl sich zu verlieren. Gefühl abzuheben, zwischen Gefühlen hin und her gerissen sein, sich nicht mehr spüren:
Wunsch Blut zu sehen:
Wunsch Narben zu sehen oder Blutkrusten zu kratzen:
Ich habe dies alles versucht - Ich will trotzdem ritzen. Wenn der Drang unaushaltbar ist, entscheide zuvor ganz genau, wie viel du dir erlaubst und wann es genug ist. Erlaube nicht dem Drang, dich zu kontrollieren! sondern: Ich kontrolliere den Drang! Entscheide im vorhinein ganz genau was du dir selbst erlaubst, und was zuviel ist und halte dich an deine Limits. Folgende Fragen solltest du dir stellen:
Die folgenden Hinweise sind eigentlich Für TherapeutInnen gedacht, können jedoch auch Für PädagogInnen als Orientierung hilfreich sein (http://www.andritsch.at/psychiatrie/SVV/SVVTher.html). Selbstverletzendes Verhalten (SVV) Therapeutische Ansätze „Um jenen helfen zu können welche sich ritzen oder andersartig selbst schädigen, müssen Therapeuten verstehen, welche Rolle dieses energiegeladene Reaktionsmuster im Leben des Klienten spielt Ist der primäre Grund:
Zu verstehen warum eine individuelle Person sich selbst verletzt - ist der Schlüssel um dieser Person zu helfen, selbstschädigende Handlungen als erstmögliche Reaktion zu verwenden, zu beenden. Druck darauf auszuüben, als hauptsächlichstes Ziel die Selbstverletzungen sofort zu beenden kann das Gegenteil bewirken (davor warnen Experten Salomon und Farrand, USA). Der Ansatz der Experten zielt auf folgende Techniken: Selbstverletzung sollte nicht durch Schenken von starker Aufmerksamkeit gefördert werden. Es sollten keine Sanktionen folgen insbesondere nicht Abbrechen einer Therapie erfolgen. Dieses erzeugt meist noch schlechtere Gefühle. Therapeuten müssen ihre eigene Motivation überprüfen warum sie es wollen, dass ihr Klient mit dem Selbstverletzenden Verhalten aufhört oder es stabilisiert. Allzu oft achten Helfer zu sehr darauf das SVV so schnell wie möglich zu beenden, weil es Für sie selbst unangenehm ist, dieses mit anzusehen, weil es abstoßend auf sie wirkt, weil sie sich machtlos fühlen, weil SVV sie ängstigt usw.. Situationen in welchen man radikal versucht das SVV zu beenden, können zu explosivem SVV führen. Oder zu Situationen in welchen Therapeuten versuchen das Verhalten zu stoppen und dann der Klient den Weg wählt sich versteckt selbst zu verletzen, und er schweigsam wird, und in negativen Stress kommt. Auf diese Weise wird es schwieriger eine therapeutischen Basis zu finden. Anderseits ist es Für Therapeuten legitim (erlaubt) mit ihren Klienten einen Stufenplan zur Selbstkontrolle der Impulse auszuarbeiten, um diese zu stabilisieren. Wenn ein Klient unkontrollierbare Selbstverletzungen setzt, ist es Ziel Für den Selbstverletzenden und Begleiter in der Krise im Raum keine scharfen Gegenstände zurück zu lassen. Wenn man eine gewisse Stabilität in der Behandlung erreicht hat müssen Therapeuten einen feinfühligen Weg zwischen Unterdrücken / Kontrollieren des SVV und Erlauben von SVV gehen, um die Therapie im Griff zu haben. Ein idealer Weg wäre in welchem SVV toleriert ist, aber spezifische Konsequenzen hat zum Beispiel: Ein Klient soll sich beim Therapeuten melden wenn ein Drang zur Selbstverletzung aufkommt. Aber es sollte eingeschränkt werden, dass der Kontakt binnen 24 Stunden nach erfolgtem SVV erfolgen soll. In einem solchen System hat der Selbstverletzte die Möglichkeit auszudrücken was er über seinen Körper auszudrücken versuchte, ohne im SVV Zuflucht zu nehmen. Er/sie erfährt dass das Fortsetzen eines SVV momentane greifbare Ursachen hat und unmittelbare Gefühle ihn/sie dazu drängen. Es reduziert den Teufelskreis, das sich das SVV verselbstständigt und dadurch anhaltende fortschreitende negative Effekte folgen. Diese Art von Vereinbarung zwischen Therapeuten und Klient kann helfen das SVV zu stabilisieren und den Weg frei machen, zugrunde liegende Probleme zu bearbeiten, welche dazu drängen sich zu verletzen. Dies ermöglicht dem Therapeuten "Kehrbergs" Rat zu folgen, das SVV in Zusammenhang mit der zugrunde liegenden Verletzung/Problem zu behandeln. Therapeuten sollten sicherstellen, dass selbstverletzende Klienten Zugang zu nicht verurteilenden, mitfühlenden medizinischen Einrichtungen haben, wo die Wunden versorgt werden. Dass dort darauf geachtet wird, dass die Würde und Autonomie (Selbstachtung) nicht geraubt wird. Zusammen mit dem Therapeuten können Pläne ausgearbeitet werden wie Wunden behandelt werden, ohne zusätzlich den Stress in der Situation zu erhöhen. Es sollten Ärzte die in anliegenden Ambulanzen die Notfälle versorgen geschult werden, wie man mit SVV umgeht. Die erfolgreiche Behandlung von SVV hängt wesentlich davon ab neue Wege zu finden mit negativen Stress umzugehen, so dass zugrunde liegendes Schmerzhaftes behandelt werden kann. Spitalseinweisungen [Krankenhauseinweisungen] sollten nur als letzter Ausweg erfolgen, wenn der Klient in Suizidgefahr oder in schwere Verletzungsgefahr kommt. Spitäler sind künstlich sichere Umgebungen und notwendige Schritte zur Identitätsfindung und zum Finden von den zugrunde liegenden Auslösern sind erschwert. Weniger destruktive Bewältigungsfähigkeiten können dort praktizierbar sein, aber in der wirklichen Welt wieder auftreten.“ Es scheint erforderlich, Selbstverletzendes Verhalten und den pädagogischen Umgang mit Betroffenen umfassend in den Blick zu nehmen, Fortbildungen anzubieten und in einen Erfahrungsaustausch einzutreten. Die Entwicklung pädagogischer Medien und Methoden zur Prävention erscheinen wichtig und unerlässlich, nicht zuletzt, damit dieses Phänomen bedeutenden Ausmaßes frühzeitig erkannt werden und durch sinnvolle Prophylaxe verhindert werden kann. Das Thema wird hier weiterhin diskutiert werden müssen! (AM) |
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