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Schmerz als Aufschrei der gequälten Seele

 

Gabi Lummas erhält Schriftsteller-Preis Für ihre Autobiographie über Selbstverletzungen Burghausen. Menschen, die sich selbst Schmerzen zufügen, suchen nach einem Ausweg Für ihre innere Leere. Die Burghauserin Gabi Lummas spricht über den Teufelskreis, dem sie nur mühsam entkommen ist.

An die Zeit vor ihrem neunten Geburtstag erinnert sich Gabi Lummas fast nicht. Dass sie als Waisenkind die ersten fünf Jahre in Heimen verbrachte, dann drei Jahre bei einer Pflegefamilie, in ein Übergangsheim geschickt wurde, wieder in einer Familie landete, um schließlich erneut in Heimen herum gereicht zu werden - "das weiß ich überwiegend aus der Heimakte", sagt sie. Ihre dunklen Augen blicken suchend zum Boden, um wieder und wieder Puzzleteile der eigenen Vergangenheit zu erhaschen: Kleine Stücke davon liegen im Wohnzimmer verstreut. Tonfiguren, die Leid und Schmerzen ausdrücken. Ausgegrabene, modellierte Leichen einer geschundenen Seele.

Es sind nur ein paar Szenen des Gewesenen, die der kleinen Frau im Kopf herum spuken und aus ihr heraussprudeln: "In einer Familie musste ich kalt duschen und bin mit einer Hundepeitsche geschlagen worden. Im Mahagonibett musste ich unter Schmerzen Spagat machen, in Unterhosen am Swimmingpool spielen durfte ich nicht", erinnert sie sich. "Damit die Nachbarn die Striemen nicht sehen, wahrscheinlich." Wann und von wem sie misshandelt wurde, weiß Lummas nicht. Die Beweise liegen tief verdrängt im Niemandsland. Als Gabi nach der zweiten gescheiterten Pflegefamilie wieder ins Heim kommt, beginnt sie, sich selbst zu verletzen. Sie kaut sich die Fingernägel blutig und rennt mit dem Kopf gegen die Wand. Immer wieder, nur um sich zu fühlen. "Gespürt habe ich nie etwas - das war Für mich der Beweis, dass ich nichts erlebt habe", sagt sie. Für Mitschüler, Lehrer und Erzieher erfindet das Mädchen Erklärungen, warum sie wieder eine Beule hat oder von Kratzern und Schnittwunden übersät ist: "Darin war ich Weltmeister."

Die nackten Eigenschaftswörter in Gabis Heimakte lesen sich großartig: Kontaktfreudig, fröhlich, lebenslustig, intelligent. So soll sie sein, das Leben zu meistern muss Für Lummas ein Leichtes sein: Sie achtet peinlich darauf, ihren Mitmenschen gerecht zu werden, ihre Ausbildung zur Gärtnerin schließt sie mit Auszeichnung ab, genauso die spätere Qualifikation zur Erzieherin. Die Kinder im Burghauser Kindergarten lieben ihre "Lummi", Kollegen schätzen ihre Kompetenz.

Von Psychologen und Ärzten herumgereicht

Dass sich Lummas seit ihrem neunten Lebensjahr immer wieder selbst verletzt - sich Injektionsnadeln spritzt, um sie anschließend abzubrechen, Putzmittel und Entfärber schluckt, sich aufritzt, Wunden offen hält und diese verunreinigt, damit ihr Körper endlich reagiert, zuletzt an Selbstmord denkt - das vermutet niemand. Sie selbst schämt sich nach den Selbstverletzungen sehr, oft kann sie nicht glauben, was sie sich wieder angetan hat.

Als sie mit 19 das letzte Heim verlässt, ahnt Gabi Lummas, "dass ich auf der Reeperbahn lande, wenn ich so weitermache". Doch erst mit 32 fasst sie den Entschluss, sich ihren Handlungen zu stellen, und zieht nach Bayern. Die Selbstverletzungen bleiben zunächst geheim, erst als sie sich aus Verzweiflung zwei Stricknadeln und eine Wollnadel tief in den Oberarm rammt, will der Schmerz raus. Lummas schreibt Psychologen und Kliniken an, und wird wieder herum gereicht: "Borderline-Syndrom" oder "Multiple Persönlichkeit" lauten die Diagnosen. "Bekämpft wurden leider meistens die Symptome, nicht die Hintergründe", sagt Lummas. In einer Psychiatrie wird sie mit Medikamenten betäubt, mancher Arzt beruhigt sie: "Die Vergangenheit muss vergeben und vergessen sein, das kriegen wir wieder hin."

Gabi Lummas erzählt das ruhig, doch sie ist wütend auf solche Ärzte:

"Bei so einem Satz würde ich denen heute die Meinung flöten. Die Opfer werden ruhig gestellt und bekommen Pflaster auf den Mund geklebt, statt den Blick auf die Täter zu richten, die meist ungeschoren davon kommen."

1998 beginnt Lummas, ihre Autobiografie "Verschlossene Seele" zu schreiben. Je mehr sie sich öffnet, desto schlechter geht es ihr, desto brutaler verletzt sie sich. Erst als die Frau sich 1999 in eine Göttinger Fachklinik begibt, fühlt sie sich verstanden. Gabi Lummas merkt, dass es unmöglich ist, gleichzeitig in der Gesellschaft zu funktionieren und Traumata aufzuarbeiten, beantragt eine Berufsunfähigkeitsrente und erhält sie. "Das habe ich meiner Sozialisation zu verdanken", erklärt sie energisch.

"Ohne Ausbildung und Beruf hätte man mich Für verrückt erklärt und weggesperrt." Das "gesellschaftliche Funktionieren" habe aber einen Nachteil: "Wenn die Ärzte sahen, dass ich arbeite, hatten sie Probleme, mir eine Therapie zu verschreiben."

Schriftsteller-Preis Für ihre Autobiografie

Gabi Lummas verletzt sich seit Oktober 1999 nicht mehr. Sie besucht regelmäßig eine Trauma-Spezialistin, schreibt ihr zweites Buch, töpfert, und forscht weiter nach den Ursachen Für ihre massiven Selbstverletzungen. Sie weiß, dass zahlreiche Adoptionsversuche gescheitert sind. Lummas will die Orte aufsuchen, an denen ihr Schicksal seinen Lauf nahm. Raus aus dem Eremitendasein im beschaulichen Burghausen, das ihr geholfen hat, einen Teil von sich zu finden, rein in die Schatten der Vergangenheit.

"Ich gehe auch nach Hamburg zurück , um effektiv Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit zu leisten", betont sie. Gabi Lummas möchte Betroffene dazu bringen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, am liebsten heraus schreien, wie wichtig es ist, Kindern Zuspruch und Geborgenheit zu geben: Sagt man denen, sie sind nichts wert und behandelt sie so, dann glauben sie das im schlimmsten Fall ein Leben lang."

"In ein, zwei Jahren will Lummas zurück ins Berufsleben, vielleicht macht sie eine Umschulung Richtung Heilpädagogik oder Jugendpsychiatrie. Die Wände ihrer kleinen Wohnung hängen voll mit Kinderbildern. In einem kleinen Rahmen ist sie selbst als Zweijährige zu sehen. Sie hat das Bild aus einer ihrer Heimakten retten können. Es ist das einzige Bild, das ihr bestätigt, dass sie einmal ein kleines Kind war.

Ihre Kindheit, von der sie jetzt weiß, das sie grausam war, erklärt Lummas heute so: "Ich fühle mich im Nachhinein wie Müll, den man einfach weggeschmissen hat. Dieser Müll dient jetzt als Nährboden Für ein besseres Leben." Für ihre Autobiografie erhält Lummas am 21. Februar in Berlin den Europapreis der World Writers Association. Die Publikation hat sie aus eigener Tasche gezahlt - um aufzuklären über ein verbreitetes, oft verschwiegenes Problem. Dem Beweismangel Für die Ursachen ihrer Verletzungen zum Trotz.

Das Buch von Gabi Lummas heißt "Verschlossene Seele: Erfahrungen mit Selbstverletzungen". Zu bestellen bei: www.verlag-die-jonglerie.de/verschlossene_seele.htm Uli Kreikebaum Für PNP-Online http://www.pnp.de

Lesen Sie dazu auch Interview mit einem Experten Prof. Ulrich Sachsse leitet die Göttinger Fachklinik Für Psychiatrie und Psychotherapie... 

REPORT  vom 19.02.2004

Interview mit einem Experten

Professor Ulrich Sachsse leitet die Göttinger Fachklinik Für Psychiatrie und Psychotherapie, die auch eine Spezialstation Für posttraumatische Belastungsstörungen hat.

Wie äußern sich Selbstverletzungen?

Sachsse: Fast alle Betroffenen schneiden sich oder verbrennen sich mit einer Rasierklinge. Schwerere Selbstverletzungen wie Schläge mit Eisen, Kopfstöße gegen eine Wand oder Verätzungen kommen seltener vor.  

Wo liegen die Gründe Für selbst verletzendes Verhalten?

Sachsse: Selbstverletzungen sind Für Betroffene das wirksamste Medikament bei einer Stresssituation, in der sie nicht klar denken können und ihren Körper nicht fühlen. Sie verletzen sich, um sich wieder lebendig zu fühlen.

Was sind die tieferen Ursachen?

Sachsse: In der Regel fühlen sich die Menschen tief vereinsamt und verlassen. Daher können Selbstverletzungen auch als Folge starker Trauer oder bei Gefängnis-Insassen auftreten. Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend Geborgenheit erfahren, werden nur selten mit dem Problem konfrontiert. Wir unterscheiden drei Ursachen: Vernachlässigung, physische Gewalt und sexualisierte Gewalt. Die meisten Betroffenen haben alle drei Dinge erfahren.

Wie kommt es, dass Menschen, die sich selbst verletzen, keine Schmerzen empfinden?

Sachsse: Das kommt daher, dass sie in einer absoluten Ausnahme-Stresssituation sind, die die meisten von uns gar nicht kennen. Ähnliches ist bei sehr engagierten Fußballern zu beobachten, denen nach einem Spiel ein Fußbruch oder ein Bänderriss diagnostiziert wird, die aber bis zum Ende durchspielen. Im Unterschied zu den Sportlern stellt sich bei selbst verletzenden Menschen ein starkes Schamgefühl ein, wenn der Stress abebbt und sie reflektieren, was sie sich angetan haben.

Wie werden Selbstverletzungen therapiert?

Sachsse: Beim psychoanalytischen Ansatz werden die zwischenmenschlichen Beziehungsstörungen aufgearbeitet. Die Verhaltenstherapie zielt darauf ab, über die Reflexion des eigenen Verhaltens sein Verhalten zu ändern. Bei der Traumatherapie versetzt sich der Patient gedanklich in die Traumasituationen, um sich anschließend besser steuern zu können. Die Chancen auf Symptomfreiheit liegen bei 70 bis 80 Prozent - weit besser also als bei Alkoholismus zum Beispiel.

Quelle: http://www.pnp.de/ngen/such.php?cid=29-4743369&Ressort=repo


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