Selbstverletzung

Erfahrungen Pädagogische Intervention Literatur Pressebericht Verarbeitung

Website der BAG P&P e.V.
Inhaltsverzeichnis
Verein
Sexuelle Gewalt
Aktuell
weitere Themen
Kooperation
Kontakt

Sekten Emotionale Gewalt Suchtentwicklung Sexualerziehung Selbstverletzung

Angela May

Selbstverletzendes Verhalten

Einleitung

?Der Kontakt mit der Umgebung bricht irgendwie ab. Es ist, als ob ich aus der Wirklichkeit herausrutschte. Der Zustand ist furchtbar. Ich habe Angst ich k?nte wahnsinnig werden. Ich schlage mich, bis die Haut ganz rot ist. Ich dusche so hei? dass ich mich fast verbrenne. Aber ich sp?/span>re nichts. Dann kommt der starke Drang, mir wehzutun. Ich schneide mich und lasse das Blut ganz lange ?er die Haut laufen. Das rote, warme Blut gibt mir ein Gef?l von Entspannung und Geborgenheit. Dann f?/span>hle ich auch wieder den Schmerz. Erst dann habe ich wieder das Gef?/span>hl, ich bin wieder in mir drin? (Eckhardt, 117).

Grunds?zlich kann Selbstverletzendes Verhalten (abgek?/span>rzt SVV) Menschen in (sozial-)p?agogischen und therapeutischen Arbeitsfeldern begegnen, die Formen der Selbstverletzung k?nen sehr vielf?tig sein. Leider nehmen viele Professionelle sie nicht immer wahr, verharmlosen sie, werten sie ab oder stehen ihnen hilflos gegen?er. Menschen, die Selbstverletzungen aus?/span>ben, sto?n zum gro?n Teil immer noch auf gro?s Unverst?dnis im sozialen und professionellen Umfeld. Die starken Emotionen, die durch die Konfrontation mit Selbstverletzendem Verhalten ausgel?t werden k?nen, sind Ekel, Ablehnung, Fassungslosigkeit, Wut, Hilflosigkeit usw.. Dadurch kann Selbstverletzendes Verhalten verst?kt werden, weil die negative Reaktion unbewusste Bestrafungsw?sche der Betroffenen befriedigen (Eckhardt, 1994, 93).

Die Beitr?e in diesem Heft sollen die Erkenntnisse von Theorie und Praxis aus der Arbeit mit sich selbstverletzenden Menschen wiedergeben. Damit soll versucht werden zu zeigen, welche Ausdrucksformen Selbstverletzendes Verhalten annehmen kann und welche m?lichen Ursachenkontexte erkannt wurden. Au?rdem sollen Ans?ze aus der (sozial-)p?agogischen und therapeutischen Arbeit aufgezeigt werden, die bei der ?erwindung der Selbstverletzung hilfreich sein k?nen. Der erste Beitrag wird also den Versuch darstellen, das Ph?omen ?Selbstverletzendes Verhalten? aus theoretischer Sicht zu beschreiben. Im zweiten Beitrag wird uns eine von Selbstverletzendem Verhalten betroffene Frau dieses Ph?omen aus ihrer pers?lichen Sicht des Erlebens und F?/span>hlens schildern. Damit soll dieses Ph?omen in seinem individuellen Erleben und seiner Emotionalit? transparenter F? Au?nstehende gemacht werden und nicht nur auf der beschreibenden (theoretischen) Ebene bleiben.

Selbstverletzendes Verhalten, so wird dieser Beitrag1 zeigen, ist ein Ph?omen mit vielen (individuellen) Facetten und Ursachenzusammenh?gen, das jedoch noch nicht als umfassend erforscht bezeichnet werden kann. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass biologische, psychologische, soziale und kulturelle Faktoren in wechselseitiger Verkn?fung eine Rolle bei der ?iologie Selbstverletzenden Verhaltens spielen (H?sli, 127).

I. Terminologien

Selbstverletzendes Verhalten ist kein neuzeitliches Ph?omen, sondern wurde schon von Sigmund Freud beschrieben (Freud, 1923 und 1924). Die Verwendung einer einheitlichen Terminologie ist bisher in Fachkreisen nicht gelungen und dadurch stiftet die Zuordnung bestimmter Verhaltensweisen zu genau definierten Symptomen immer wieder Verwirrung, weil sie zu individuell vorgenommen wird. Zudem relativiert sich teilweise die Aussagekraft von Untersuchungen zu dieser Thematik. Selbstverletzendes Verhalten wird aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben und definiert und schon darin werden die Unterschiede erkennbar. Dermatologen sprechen z.B. von ?Kutanen Artefakten? (Gieler & Effendy & Stangier, 1987),
?Para-Artefakten? oder ?Dermatitis facticia? (Janus, 1972; Gieler, 1992). In der psychiatrischen und psychologischen Literatur werden folgende Begriffe verwendet: ?Autoaggressionen? (M?ler & Praag), ?Selbstverst?melnde Verhaltensweisen? (DSM - III - R), ?Selbst-destruktives Verhalten? (Streeck - Fischer),
?(offene) Selbstbesch?igung? (Herpertz & Sa? Holitzner, Paar, Hirsch, Eckhard & Hoffmann),
?Automutilation? (v. T?ne, Resch et al.),
?(offenes) Selbstverletzendes Verhalten? (Brezowsky, Wewetzer & Friese & Warnke, Herpertz, Resch & Karwautz & Schuch & Lang, Sachsse, Tameling). Sachsse pr?eriert die Bezeichnung ?Selbstverletzendes Verhalten? und begr?det: "Damit ist eine deskriptive, emotional nicht befrachtete Benennung m?lich" (Sachsse, 1995a, 32).

Selbstverletzendes Verhalten ist eine Form der Autoaggression und in verschiedenen Kontexten zu beobachten:

  • Suizidalit? und deren Versuche

  • Kulturell gebilligte selbstverletzende Verhaltensweisen (Genitalbeschneidungen, Sch?heitsoperationen, T?owierungen, Piercings etc.). Hierbei ist zu bedenken, dass diese vorgenommenen Verletzungen teilweise auf Freiwilligkeit beruhen, ein Beispiel hierf? ist das Piercing, T?owierungen und Sch?heitsoperationen. Genitalbeschneidungen und -verst?melungen bei Jungen und M?chen hingegen sind in der Regel erzwungen und stellen eine Verletzung der Menschenrechte dar.

  • Indirekten Selbstsch?igungen (vorget?schten St?ungen um medizinische oder psychologische Aufmerksamkeit zu erzeugen)

  • Versteckte Formen der Selbstbesch?igung (heimliche k?perliche Manipulationen, die Verletzungen/Krankheiten zur Folge haben)

  • Selbstverst?melungen im Rahmen von schweren Psychosen und Schizophrenien, ?epidemisch? auftretende Selbstverletzungen in Heimen oder Psychiatrischen Stationen.

Die in diesem Beitrag n?er beschriebenen Autoaggressionsformen werden von Doris Neppert wie folgt definiert: ?Selbstverletzendes Verhalten liegt vor, wenn eine Person sich selber aktiv, direkt, bewusst oder unbewusst, wiederholt Verletzungen zuf?t, die nicht zum, im jeweiligen Kulturkreis ?lichen z?len und keine intendierte suizidale Wirkung haben? (Neppert).

II. Pr?alenz und Formen der Selbstverletzung

Eine 1985 in den USA durchgef?rte schriftliche Umfrage zu der nach einer Fernsehsendung zu diesem Thema von einer Selbsthilfegruppe aufgerufen wurde. Sie ergab, dass 72 % der befragten Frauen angaben, dass sie sich in die Haut schnitten, 35 % f?ten sich Verbrennungen zu, 30 % schlugen sich, 22 % verhinderten die Wundheilung, 22 % zerkratzten sich schwer die Haut, 10 % rissen sich Haare aus und 8 % brachen sich Knochen (Favazza & Conterio, 286)

Bevorzugte K?perteile sind Unterarme, Oberschenkel, Brust - und Bauchbereich, sowie das Gesicht. (Paar, 141), auch die Genitalien k?nen betroffen sein (8% in einer Erhebung von Favazza & Conterio, 286). Der Zeitpunkt der ersten Selbstverletzung beginnt h?fig in der Adoleszenz und im fr?en Erwachsenenalter (Herpertz & Sa? 297, Favazza & Conterio, 284, Himber, 626; Sachsse, 1995a, 41). Selbstverletzungen treten meist mehrmalig auf (Herpertz & Sa? 299), teilweise nehmen Frequenz und Schweregrad der selbstbesch?igenden Aktionen im Laufe der Zeit zu (Resch et al., 257).

Favazza & Simeon unterscheiden bez?lich der Art und H?figkeit der Selbstverletzungen in

  • eine kompulsive Form (wiederholt und ritualisiert, h?fig am Tag, eher automatisch)

  • eine episodische Form (seltener, vor allem nach bestimmten belastenden Stresssituationen)

  • und eine repetitive Form (auch episodisch,
    aber sehr h?fig und erfolgt als eine habituierte Reaktion auf internale oder externale Stre?ituationen). (Favazza & Simeon, zit. n. Wewetzer et al., 9)

Verl?sliche Zahlen ?er die H?figkeit Selbstverletzendes Verhaltens liegen nicht vor. Favazza & Conterio sch?zten die Pr?alenz in der Gesamtbev?kerung auf 14 - 750 sich selbst verletzende Personen pro 100.000 EinwohnerInnen. In der Altersgruppe der 15 und 35 J?rigen tritt jedoch eine erhebliche H?fig der Fallzahlen auf. Nach Sch?zungen von Favazza & Conterio betr?t sie 1.800 Menschen pro 100.000 EinwohnerInnen (Favazza & Conterio, 1989, 283). Detaillierte Zahlen siehe Neppert.

Selbstverletzendes Verhalten wird u.A. im Kontext mit psychiatrischen Diagnosen wie Essst?ungen, S?hten, Depressionen, Borderline-Pers?lichkeits-st?ung, Posttraumatischen Belastungsst?ungen und Dissoziative Identit?sst?ung (Multipler Pers?lichkeitsst?ungen) beschrieben4.

Formen Selbstverletzenden Verhaltens

  • schneiden mit scharfen Gegenst?den wie z.B. Rasierklingen, Messern od. ?nlichem

  • mit Scherben die Haut einritzen

  • Wiederholtes Kopfschlagen

  • Ins-Gesicht-schlagen

  • In-die-Augen-bohren

  • Bei?n in H?de, Lippen oder andere K?perpartien

  • oberfl?hlichen Hautverletzungen

  • Verbr?ungen

  • sich mit Zigaretten, B?eleisen oder ?nlichem Verbrennungen zuf?en

  • extremes N?elkauen

  • Abbei?n von Fingerkuppen

  • exzessiver Sport

  • ungesunde Ern?rung

  • Drogenexzesse

  • zuwenig Schlaf

  • chemische Substanzen oder Gegenst?de schlucken

  • Spritzen v. Schmutzwasser

  • Extremes T?owieren

  • Extremes Piercen

  • Haare ausrei?n

  • Wundheilung verhindern usw. (vgl. http://www.beepworld.de/members7/mausi_88/svv.htm).

Bei Jungen m?sen wir besonders auf Risikoverhalten achten, welches leider allzu h?fig als ?Mutprobe? deklariert und interpretiert wird.

III. Verlaufsphasen der Selbstverletzung

Die Selbstverletzende Handlung kann idealtypisch in verschiedene Phasen eingeteilt werden (Neppert).

1. Der Ausl?er F? die Selbstverletzung

Laut Eckhardt ist der Ausl?er der Selbstverletzung das Empfinden, dass der K?per nicht spannungsfrei funktioniere, Anspr?he stelle, ?ger mache. Sie f?rt dies auf eine Ablehnung des K?pers zur?k (Eckhardt, 153). Aber auch andere, subjektiv durch die Selbstverletzerin empfundene, eigene Unzul?glichkeiten k?nen Ausl?er sein. Das k?nen ?ertretungen von Verboten oder zu geringe Anstrengung z.B. vor Pr?ung sein (Janus, 24). Selbstverletzungshandlungen k?nen auch den Versuch darstellen, auf zwiesp?tige, oft innerlich ?erw?tigende Gef?le, wie Aggression oder Hassgef?le, die nicht verbal ge??rt werden k?nen, zu reagieren (ebd. 181; Wirtz, 156).

Weitere Ausl?er k?nen Trennungssituationen (Hirsch, 1993, 74; Eckhardt, 181; Holitzner, 328) und Therapieunterbrechungen sein (Eckhardt, 181). Auch wenn hochidealisierte Bezugspersonen (z.B. die TherapeutIn, FreundInnen) in den Augen der Patientin versagt haben, kann die Situation F? die Patientin unkontrollierbar erscheinen und es kommt zur Selbstverletzung (Holitzner, 328). Ferner k?nen k?perliche Ber?rung und sexuelle Erregung Ausl?er F? Selbstverletzendes Verhalten sein (Sachsse, 1989b, 111).

2. Gef?le unmittelbar vor der Selbstverletzung

Es entsteht ein starker innerer Spannungszustand, der eine Art Rauschzustand annehmen kann. Die Kontrolle ?er Ich-Funktionen kann eingeschr?kt sein oder gar verloren gehen (Eckhardt, 43). Der Spannungszustand kann sehr diffus erlebt werden und durch mangelnde Angst- und Frustrationsintoleranz oder Affektdifferenzierung hervorgerufen werden (Herpertz, 117). Zahlreiche AutorInnen berichten von Depersonalisations2 - und Derealisationserscheinungen3 unmittelbar vor einer Selbstverletzung (Hirsch, 1993, 4; Sachsse, 1995a, 43; Eckhardt, 116; Eckhardt & Hoffmann, 290 ff. ; Favazza & Conterio, 288).

Die selbstverletzende Handlung

Selbstverletzungshandlung werden manchmal wie eine Art Ritual durchgef?rt. So werden z.B. Gegenst?de oder Instrumente, die F? die Selbstverletzung verwendet werden, bereit gestellt. Die Handlungen werden teilweise nach festen Abl?fen ausge?t.

Selbstverletzendes Verhalten kann Schneiden, Brennen, Einstiche vornehmen, sich selbst Schlagen beinhalten, aber auch die Verhinderung von Wundheilung beinhalten u.v.a.m..

Schmerzempfindung w?rend der Selbstverletzung

Die meisten betroffenen Frauen berichten von partieller oder totaler Schmerzunempfindlichkeit w?rend der Verletzungshandlung. Eine Untersuchung zeigt, dass nur 10 % der sich selbst verletzenden Frauen starken Schmerz versp?ten, 23 % berichteten von m?igem, 38 % von leichtem und 29 % von gar keinem Schmerz (Favazza & Conterio, 286).

Sachsse ??rt ?er das Schmerzempfinden seiner Selbstverletzungspatientinnen: "Das SVV schafft hier ein Grenzerleben und vermittelt ein Gef?l von Lebendigkeit. Die an?thetische Haut wird wieder sp?bar. Der Schnitt selbst ist schmerzfrei, erst nachtr?lich stellt sich ein begrenztes Schmerzempfinden ein. Das warme, pulsierende Blut ist ein Zeichen inneren Lebens." (Sachsse, 1995a, 43) Wirtz sieht in dieser Schmerzunempfindlichkeit eine ?erlebensstrategie bei sexuellem Missbrauch in der Kindheit. Betroffene Kinder haben eventuell gelernt, in den F? sie unertr?lichen Situationen mit dem Geist den K?per zu verlassen oder sich in einer Art Selbsthypnose v?lig gef?llos zu machen. (Wirtz, 108)

Manche Frauen empfinden Schmerz, ertragen ihn aber mit einer Art Triumphgef?l, Sachsse nennt das den "masochistischen Triumph". "Ich kann allerhand ab. Vor drei Jahren habe ich mir mal einen Schraubenzieher durch die Hand gerammt und bin so in die Chirurgie gefahren. Dem Chirurgen ist fast schlecht geworden. Anf?ger! Er wollte mir sofort eine Leitungsan?thesie setzen, aber das habe ich abgelehnt. ?Ohne Bet?bung? habe ich gesagt. Es hat h?lisch wehgetan, aber ich hab keine Miene verzogen" (Sachsse, 1995a, 128).

Gef?le im Anschluss an die Selbstverletzung

Die unmittelbar nach der Verletzung empfundenen Gef?le der Frauen werden ?erwiegend als positive und rasche Entlastung, Spannungsminderung, einem ?sich - geistig - wieder - klarer ? f?len?, sowie einer Hebung der Stimmungslage und des Selbstwertgef?ls nach dem Akt der Selbstverletzung beschrieben (Herpertz & Sa? 300). Je gr?er der zeitliche Abstand zur selbstverletzenden Handlung ist, desto negativer wird die Handlung bewertet und es stellt sich bei vielen die Erkenntnis ein, dass es ihnen schlechter geht als vor der Handlung, weil sie sich sch?en und Schuldgef?le und Trauer empfinden (Herpertz und Sa? 300).

Viele AutorInnen beschreiben, dass gerade der Anblick des Blutes eine beruhigende Wirkung F? die Selbstverletzerinnen habe (Eckhardt, 156; Hirsch, 1989b, 16 ff. ; Favazza & Conterio, 286). "Meinen K?per habe ich, er ist immer da, er kann mich nicht verlassen! Wenn das Blut warm und rot ?er meine Haut rinnt und ich den Kontakt sp?e, dann f?le ich mich gut, dann bin ich wieder in mir drin, dann sp?e ich, dass ich lebendig bin" (zit. N. Eckhardt, 156).

Manche Frauen empfinden durch die Selbstverletzung Allmachtsgef?le und Stolz. Kernberg schreibt dazu: "Bei manchen Patienten mit Selbstsch?igungstendenzen [ ..], beobachtet man manchmal eine wahre Lust und einen enormen Stolz ?er diese Macht der Selbstdestruktion, eine Art von Allmachtsgef?l und Stolz dar?er, dass man nicht auf eine Befriedigung durch andere angewiesen ist" (Kernberg, 149).

Funktionen Selbstverletzenden Verhaltens F? die Betroffenen

?Selbstverletzendes Verhalten erf?lt vielf?tige Funktionen F? die betroffenen Menschen, so stellt sie z.B. die interpersonale Inszenierung des eigenen Konflikts dar, dient der Beziehungsregulierung, ist Ausdruck von Wut, Frustration und Vergeltung, dient dem Erleben eines ?masochistischen Triumphes? oder dazu, das Familiensystem aufrechtzuerhalten; hat Appellfunktion oder f?rt zur Einnahme der Krankenrolle. Au?rdem kann Selbstverletzendes Verhalten intrapersonal als Selbstschutzmechanismus, der narzisstischen Selbstwertregulation, zur Spannungsreduktion, als Suizidprophylaxe, zur Selbstbestrafung oder Selbstentlastung, zur Bek?pfung des seelischen Schmerzes, zur Wiedererlangung von Kontrolle oder als Partnerersatz dienen, kann als Antidepressivum und Antipsychotikum eingesetzt werden; hilft, sich der eigenen K?pergrenzen zu vergewissern; dient dazu, sich unattraktiv zu machen oder Traumata zu reinszenieren oder kann ein Selbstopferritual darstellen. Diese Funktionen m?sen den Betroffenen jedoch nicht immer bewusst sein? (Neppert)5.

Die individuelle Funktion F? die einzelne Selbstverletzerin zu analysieren, ist in der Therapie in der Regel sehr f?derlich (H?sli, 128). Kenntnisse ?er die individuellen Funktionen des Symptoms kann Bezugspersonen helfen, sich in die betroffene Frauen hineinzuversetzen und hilfreich in der Interaktion und Kommunikation mit der Selbstverletzerin sein.

V. Theoriebildung ?er die Ursachen Selbstverletzenden Verhaltens

Unter lerntheoretischen Aspekten betrachtet wird deutlich, dass Selbstverletzendes Verhalten durch positive Verst?kung aufrechterhalten oder gef?dert werden kann, wenn z.B. eine sich selbst verletzende Person durch ihr Verhalten Aufmerksamkeit bekommt (Bezugspersonen und medizinischem Personal reagieren oft mit Angst, Besorgnis, Mitleid und Zuwendung) und darin eine positive Verst?kung des Verhaltens gesehen wird, weil N?e- und Versorgungsbed?fnisse erf?lt werden (H?sli, 159; Herpertz & Sa? 302). Aber auch negative Verst?kung kann dieses Verhalten f?dern, wenn die sich selbst verletzende Person dadurch eine F? sie unangenehme Konsequenz oder Situation vermeiden oder ihr entgehen kann (sie muss dadurch z.B. nicht zur Schule gehen, entgeht Anforderungen und Kritik) (H?sli, 161; Janus, 26f.). Selbstverletzendes Verhalten kann aber auch intern negativ verst?kt werden, wenn Angsttr?me, Halluzinationen, Depersonalisationen und Zwangsgedanken auftreten, denen die Person entgehen oder die sie beenden will (H?sli, 161). Das wird auch als Selbstschutzmechanismus zur Abwehr unkontrollierbarer, ?erw?tigender Affekte internpretiert (Herpertz, 118).

Erkl?ung von Selbstverletzendem Verhalten anhand des Modellernens, geben m?licherweise Erkl?ungen F? das zeitweilig epidemische Auftreten von Selbstverletzendem Verhalten auf psychiatrischen Stationen oder in Heimen (Streeck ? Fischer, 108; Tameling & Sachsse, 63). Hierbei wird bestimmtes Verhalten, Einstellungen, emotionale Reaktionen usw. von einer anderen Person ?ernommen. Diese Person dient als ?Modell? und kann real oder irreal sein (z.B. eine Comicfigur). Modellernen wird im Allgemeinen durch bestimmte Faktoren beg?stigt wenn es sich um verst?kende Modellpersonen handelt, wenn man z.B. deren Liebesentzug und Strafm?lichkeit F? chtet, wenn deren Status h?er ist oder erscheint z.B. im Hinblick auf Alter oder Geschlecht (Sieland & Siebert, 141).

Physiologische Erkl?ungsans?ze F? Selbstverletzendes Verhalten gehen von der Annahme aus, dass Stoffwechselver?derungen bestimmter Stoffe und Hormone im K?per und in den Neurotransmittern (Bestandteil der Nervenzellen und Reiz?ertragung) gegen?er dem "Normalzustand" ver?dert seien und dadurch das Selbstverletzende Verhalten ausl?en oder bef?dern k?nen. Diese Erkl?ungsans?ze sind jedoch sehr umstritten und im Rahmen dieses Beitrages nicht darstellbar.

Sozialpsychologische Erkl?ungsans?ze F? Selbstverletzendes Verhalten wie der Deprivationsansatz beschreiben Isolation und/oder Entbehrung von Zuwendung in der Kindheit als m?liche Ursache Selbstverletzenden Verhaltens und sieht hierin insbesondere eine Entwicklungsst?ung. Fehlt eine Bezugsperson oder wird ein Kind massiv vernachl?sigt, entstehen schwere Verhaltensauff?ligkeiten. Wird der Ausdruck aggressiver Impulse des Kindes unm?lich gemacht oder k?nen nicht an der sozialen Umwelt ausagiert werden, so wird das Kind die Aggression als das einziges ihm verbleibendes Objekt gegen sich selbst richten (Spitz, 1959, 93). Bei Menschen, die selbstverletzende Verhaltensweisen zeigen, sind in der Kindheitsgeschichte oft deprivierende Bedingungen zu finden (Holitzner, 324; Favazza & Conterio, 282).

Psychoanalytische Erkl?ungsans?ze F? Selbstverletzendes Verhalten

Einen ?erblick ?er die Vielzahl psychoanalytischer Erkl?ungsans?ze F? Selbstverletzendes Verhalten findet sich bei H?sli (H?sli, 163 ff.). Gemeinsam ist ihnen, dass sie das Symptom Selbstverletzung als Ausdruck unbewusster, seelischer Konflikte ansehen, deren Urspr?ge in der fr?en Kindheit liegen (Eckhardt, 170).

Im Zentrum des psychoanalytischen Ansatzes steht die Bedeutung der fr?en Kindheit, vor allem der Phase der Symbiose und der Abl?ung von der ersten wichtigen Bezugsperson, in unserer Gesellschaft vorrangig die Mutter oder aber der Vater (Draijer, 129). Ist diese Symbiose nachhaltig gest?t, etwa durch eine psychisch kranke oder stark ?erforderte Mutter, ?ernimmt das Kind h?fig Elternfunktionen (Parentifizierung) und wird von der Mutter zur eigenen Stabilisierung instrumentalisiert. Durch diese Form der Kindesmisshandlung k?nen kumulative Traumata entstehen, die die Dissoziation des Ich zur Folge haben k?nen (Sachsse, 1989, 98). In der Interaktion mit der psychisch kranken und ?erforderten Mutter hat das Kind m?licherweise bereits auf dem Weg der ?Affektansteckung? ein depressives Lebensgrundgef?l erworben (Neppert). "Teile des Ich erfahren eine seelische Fr?reifung, verbunden mit einer Flucht aus der Symbiose in die Autarkie. Andere Ich-Anteile bleiben in einer archaischen Abh?gigkeit fixiert, suchen Einheit mit einem symbiotischen Mutterobjekt und erfahren so keine Entwicklung. Da durch die Traumatisierung der kindliche Reizschutz wiederholt durchbrochen wurde, ist das K?per-Ich in seiner Ausbildung besonders gest?t. Entscheidend F? die sp?ere Symptomatik ist, dass der K?per von Anfang an nicht ins Selbst integriert werden kann, dem er eigentlich zuzurechnen ist." (Sachsse, 98)

Aufgrund der Integration guter und schlechter Bilder der Elternperson (F? sorgliche und strafende Anteile) und eigener guter und schlechter Anteile wird im Normalfall die F?igkeit erworben, Widerspr?he und Ambivalenzen zu ertragen. Wenn aufgrund kalter und ablehnender Eltern sich das Kind subjektiv nicht von ihnen l?en kann, bleibt die Spaltung in gut und b?e erhalten. Das Kind glaubt nicht, dass es selber b?e sein darf und dennoch geliebt wird, es schafft sich aus narzisstischem Selbsterhaltungstrieb die Illusion einer liebevollen Elternperson und unterdr?kt aggressive Gef?le gegen sie, ist ?erzeugt von der eigenen Schlechtigkeit. Diese Dynamik von Schuldgef?len, Selbsthass, Depressionen und unkontrollierbarer Wut kann zu selbstzerst?erischen Tendenzen f?ren (Draijer, 129f.). "In der Selbstbesch?igung wird die Dynamik der Traumatisierung durch ein sch?igendes Objekt reinszeniert und als Drama am eigenen K?per dargestellt" (Paar, 152). Weitere Ausf?rungen siehe Neppert.

Sexualisierte Gewalt als Sozialisationserfahrung sich selbst verletzenden Frauen

Sachsse weist in seinen Arbeiten immer wieder auf die hohe Pr?alenz von Sexuellem Missbrauch in der Biographie von Selbstverletzungspatientinnen hin (Sachsse, 1987, 1989, 1995a + b). Sexualisierte Gewalt hat Auswirkungen auf die Sexualit? und das K?pergef?l der Betroffenen. Der/die T?erIn benutzt den K?per des Kindes F? die eigenen Bed?fnisse. Deshalb glauben sexuell missbrauchte Kinder oft, ihr eigener K?per sei Schuld an dem, was der/die T?erIn mit dem Kind getan hat. Sie glauben auch, den/die T?erIn (sexuell) k?perlich gereizt zu haben. Aus der Sicht des Kindes entsteht dann ein Hassgef?l und Verachtung gegen?er dem eigenen K?per und das Bed?fnis, den K?per daF? zu bestrafen. Dies geschieht dann vor allem bei M?chen durch Selbstverletzungen oder andere Formen von selbstzerst?erischen Verhaltens (Sucht, Essst?ungen). Ein weiterer Aspekt kann in der Abspaltung des K?pers gesehen werden, erst durch die Selbstverletzung wird dieser dann wieder sp?bar (V?kel, 106 ff.).

Feministische Ans?zen zur Erkl?ung Selbstverletzenden Verhaltens

Da Selbstverletzendes Verhalten vorrangig bei Frauen und M?chen auftritt, ist es erforderlich, geschlechtsspezifische Entstehungs- und Ursachenkontexte in Betracht zu ziehen und zu analysieren. Viele AutorInnen benennen das Vorkommen sexualisierter Gewalt in der Entwicklungsgeschichte von Frauen und M?chen mit selbstverletzendem Verhalten, reflektieren jedoch nur selten gesellschaftliche Hintergr?de geschlechtsspezifischer Sozialisationsbedingungenund sexualisierter Gewalt.

Neben zahlreichen geschlechtsspezifischen Faktoren in der Sozialisation und Lebenswirklichkeit von Frauen und M?chen6 m?hte ich hier kurz auf den Umgang mit Aggression, Wut und ?ger eingehen. Hier bestehen sehr unterschiedliche Verhaltensnormen und gesellschaftliche Bewertungen zwischen Frauen und M?nern, M?chen und Jungen. W?rend Jungen und M?nern eher au?n-aggressive
?Aktivit?en? zugestanden werden, wird dieses Verhalten bei M?chen und Frauen gesellschaftlich nicht toleriert, oft sogar erheblich sanktioniert. Daher richten Frauen und M?chen impulsive negative Gef?le viel h?figer gegen sich selbst. Verschiedene Formen der Autoaggressionen sind daher bei M?chen und Frauen viel h?figer zu beobachten als bei Jungen und M?nern.

V. Therapiem?lichkeiten bei Selbstverletzendem Verhalten

Verschiedene Ans?ze zur Intervention und Behandlung von Selbstverletzendem Verhalten werden praktiziert. In manchen schwerwiegenden F?len muss eine medizinische Intervention erfolgen, die auch Symptomunterdr?kung z.B. durch Fixierung, Sitzwache und Verbote mit einschlie?n kann. Zum anderen gibt es sozialp?agogische und psychotherapeutische Angebote F? Betroffene, um Selbstverletzendes Verhalten zu beeinflussen/ver?dern. Hierunter fallen Selbsthilfegruppen, Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, K?pertherapie, Gestaltungstherapie, Gruppentherapie, familienorientierte und feministische Therapieans?ze.

Medizinische Intervention bei Selbstverletzendem Verhalten zielt meistens darauf ab, durch Medikamente, Kontrolle und Fixierungen das Symptom ?Selbstverletzung? zu unterdr?ken. Sachsse warnt jedoch davor, da Selbstverletzendes Verhalten durch Fixierung oder Verbote die Patientin in ihrem Handlungsrepertoire derart eingeschr?kt ist, dass es zu psychosenahen optischen Halluzinationen (Sachsse, 1995, 43) oder zu einer ?erflutung mit Deprivationserlebnissen (ebd., 123) kommen k?nte, die an Horrortrips erinnerten und somit sehr problematisch sind. Aus meiner Sicht stellen sie eine erhebliche Grenzverletzung dar und k?nen Ohnmachtgef?le erheblich verst?ken

In F?len erforderlicher akuter Wundbehandlung wird in der Literatur h?figer beschrieben, dass das medizinische Personal z.B. in Krankenh?sern h?fig ablehnend bis ?gerlich-aggressiv reagiert und die Schnittwunden betroffener Frauen teilweise ohne Narkose gen?t werden. Hinter diesem Verhalten steht auch oft die falsche Vorstellung, die Frauen w?den das Selbstverletzende Verhalten aufgrund der hohen Schmerzerfahrung beim N?en k?ftig nicht mehr wiederholen.

Bei schweren, eventuell lebensbedrohlichen Formen von Selbstverletzendem Verhalten besteht die M?lichkeit einer Zwangseinweisung und einer Fixierung, dies stellt jedoch das ??rste Mittel dar. Kriterien F? eine Zwangseinweisung sind Suizidversuch, Alkoholisierung und Tabletteneinnahme (Sachsse, 1995a, 14). Zu bedenken ist dabei jedoch, dass es bei der Patientin zu einer Regression f?ren k?nte, da diese die Verantwortung F? sich selber abgibt. (ebd., 15f.). Aus der Sicht von Betroffenen erscheint die Zwangseinweisung als wenig hilfreich, da die Isolierung oder geschlossene Unterbringung als bestrafend empfunden wird und die Gef?le von eigener Isolation verst?ken (Himber, 627).

Medikation bei Selbstverletzendem Verhalten wird von Sachsse eingesch?zt: "Solange es aber keine spezifisch wirksame Medikamentengruppe gibt, frage ich mich manchmal, ob die Medikation nicht
?erwiegend der allgemeinen Beruhigung dient: derjenigen der Patientin und derjenigen des Behandlungsteams" (Sachsse, 1995a, 30). In seiner langj?rigen Erfahrungen mit SelbstverletzungspatientInnen schildert er, dass diese viel h?ere Dosierungen von Psychopharmaka vertr?en und ben?igten als andere PatientInnen. Da Selbstverletzendes Verhalten mit vielen verschiedenen emotionalen Symptombildungen assoziiert sei, w?de eine vielf?tige Medikation erforderlich sein (Sachsse, 1995a, 27f.).

Therapeutische Ans?ze zur Beeinflussung von selbstverletzendem Verhalten verfolgen die Aufdeckung oder L?ung zugrunde liegender Konflikte und Probleme und die jeweilige Funktionen der Selbstverletzenden Verhaltensweisen F? die Betroffenen. Das erfordert eine l?gere und kontinuierliche Arbeit mit den PatientInnen.

Die Psychodynamisch?Psychoanalytisch-orientierte Therapie hat zum Ziel, dass die Patientin ohne Selbstverletzendes Verhalten mit sich selbst und ihrem K?per umgehen, ihr Erleben aktiv befriedigender gestalten und die unabwendbaren Frustrationen und negativen Erfahrungen des Lebens ohne den Einsatz Selbstverletzenden Verhaltens zu verarbeiten (Sachsse, 1995a, 49).

Der feministische Therapieansatz wird hier kurz exemplarisch anhand der Methode der Psychotherapeutin Polina Hilsenbek dargestellt. Sie sieht Autoaggressionen und Selbstverletzung vor allem als Folge schwerer Gewalterfahrungen, die h?fig sexueller oder sadistischer Herkunft sind (Hilsenbek, 1998, 104). Sie sieht in der Selbstverletzung nicht die ?St?ung?, sondern die Funktion der F? die betroffene Frau besten ?erlebensstrategie (ebd., 1996, 59). Ziel von Hilsenbek ist es nicht, diese Symptome oder Erfahrungen schnell verschwinden zu lassen, sondern die Frauen durch einen ressourcenorientierter Ansatz zum Lernen anzuregen, selbst zu bestimmen, wann, wo und in welchen Grenzen sie diese Erfahrungen zulassen wollen und wann nicht (ebd., 1992, 128). "In Gruppen, Selbsthilfegruppen und Einzeltherapie wird die Frau durch den feministischen Blick auf patriarchale Sozialisation vom Erleben des alleinig individuellen Versagens bei psychischen St?ungen entlastet." (Kost, 93)

K?pertherapien bei Selbstverletzendem Verhalten haben zum Ziel, K?perwahrnehmung und K?pererleben zu verbessern. Sie stellen eine sinnvolle Erg?zung anderer Therapieformen dar, da ein pfleglicher, F? sorglicher und lustvoller Umgang mit dem eigenen K?per intendiert ist. Au?rdem soll durch Bewegung und Sport eine neue M?lichkeit der Spannungsabfuhr erlernt werden (Eckhardt, 205)

Die Gestaltungstherapie kann einzeln oder in der Gruppe nur als Erg?zung von anderen Therapien eingesetzt werden. Sie stellt eine M?lichkeit dar, auf nonverbaler Ebene Gef?le, Phantasien und Gedanken auszudr?ken, indem mit verschiedenen kreativen Techniken und verschiedenen Materialien frei gearbeitet wird. Anschlie?nd wird das Werk in der Therapie besprochen (Eckhardt, 1994, 194). Siehe hierzu auch den Beitrag von Gabi Lummas.

Verhaltenstherapie bei Selbstverletzendem Verhalten wird vor allem bei Selbstverletzungen von Menschen mit Behinderungen und im kinder - und jugendpsychiatrischen Bereich angewendet (Tantam & Whitakker, 458). Tantam und Whitakker ??rn, dass die Methoden der klassischen Verhaltenstherapie nicht unbedingt auf Menschen mit Selbstverletzendem Verhalten anwendbar seien, da das Element ?Bestrafung? F? die Beziehung zwischen MitarbeiterInnen und PatientInnen nicht f?derlich sei. Au?rdem werde Bestrafung nicht unbedingt als aversiver Reiz erlebt, da Bestrafung zum Teil in den Herkunftsfamilien als eine angenehmere, elterliche Reaktion erlebt worden w?e, als die sonst vorherrschende Indifferenz oder Gewalterfahrung. Auch k?ne aufgrund der Psychodynamik und eventueller masochistischer Tendenzen eine Bestrafung als Belohnung wahrgenommen werden. (Tantam & Whitakker, 458)

Kognitive Verhaltenstherapie kann helfen, die - vor allem bei Frauen - typischen, destruktiven Denkschemata ?er sich selbst, Selbstkritik, Selbstverurteilung und Selbstbestrafung abzubauen (Herpertz, 117)

Die familienorientierte Therapie sieht im Symptom des Selbstverletzenden Verhaltens den Ausdruck eines famili?en Konfliktes, in dem die Betroffene eine stabilisierende Funktion F? die Familie erf?lt, indem sie von den Problemen der ?rigen Familienmitglieder ablenkt (Eckhardt, 187 ff.)

Selbsthilfegruppen F? Frauen mit Selbstverletzendem Verhalten k?nen einen wichtigen Beitrag leisten, das Gef?l der Isolierung abzubauen. 7

VI. Einige Grunds?ze F? die sozialp?agogische Arbeit mit sich selbst verletzenden Frauen

Auf der Ebene betroffener Frauen

  • Es ist wichtig, einen Zusammenhang zwischen dem individuellen Symptom des Selbstverletzenden Verhaltens und der geschlechtsspezifischen gesellschaftlicher Realit? von Frauen herzustellen und bewusst zu machen.

  • Durch das Aufzeigen und Vorleben von alternativen Lebensm?lichkeiten (ohne Selbstverletzung) z.B. durch den Prozess einer positiven Identifizierung kann die Entstehung und Umsetzung neuer Lebensentw?fe gef?dert und alte Muster ?erwunden werden.

  • Die Unterst?zung und F?derung betroffener M?chen und Frauen in der Aneignung autonomer Entscheidungen und Handlungen in m?lichst vielen Bereichen sind sehr bedeutsam.

  • Eine umfangreiche F?derung des Bewusstwerdens und des ??rns eigener Bed?fnisse und Gef?le soll in der sozialp?agogischen Arbeit und der Therapie erfolgen.

  • Die Wahrnehmung eigener Grenzen ist ebenso wichtig wie die F?derung von Beziehungskompetenzen und Methoden der Konfliktbew?tigung und des Spannungsabbaus.

Auf der Ebene der professionellen HelferInnen

  • Gute Teamf?igkeiten sind Voraussetzungen um den Belastungen in der Arbeit mit selbstverletzenden Menschen entsprechen zu k?nen.

  • Eigene Reflexionen und im Teamreflexionen ?er eigene Erfahrungen und Betroffenheit von selbstsch?igendem Verhalten sind von Bedeutung F? den Umgang mit SelbstverletzerInnen, ebenso wie die

  • Wahrnehmung und Reflexion eigener Gef?lsreaktionen auf Selbstverletzungen bei anderen.

  • Kontinuit? und Verl?slichkeit in der Beziehung zu den PatientInnen sind ebenso wichtig wie die

  • ganzheitliche Wahrnehmung der Frauen mit Selbstverletzendem Verhalten und damit Vermeidung der Reduktion auf dieses Symptom.

  • Die Anerkennung des Selbstverletzenden Verhaltens als Symptom bzw. ?erlebensstrategie der Frauen ist hilfreich, damit sich die Frau akzeptiert f?len kann und in ihrer Suche nach ver?derten Umgang damit unterst?zt werden kann.

  • Parteilichkeit F? die Frauen und M?chen ist die Grundhaltung F? feministische Therapieangebote.

VII. Ausblick

Es werden weitere Forschungen erforderlich sein, im Hinblick auf Ursachen, Wirkungsweise und Erfolge verschiedener therapeutischer Angebote und Interventionen, aber auch insbesondere im Hinblick auf Fr?erkennung und Pr?ention. HierF? halte ich Fortbildungsangebote F? P?agogInnen und Kinder?ztInnen F? besonders erfolgversprechend, da sie au?rfamiliale Schnittstellen der Fr?erkennung und Intervention sein k?nten, die selbstverletzende Verhaltensweisen schon im Anfangsstadium erkennen und eine Intervention in Form von sozialer Arbeit oder Therapie bewirken k?nten.

Fu?oten

1 Dieser Beitrag orientiert sich stark an einer Diplomarbeit von Doris Neppert mit dem Titel: ?Selbstverletzendes Verhalten bei Frauen. Erkl?ungsans?ze und Konsequenzen F? die soziale Arbeit.?

2 "Im Zustand der Depersonalisation wird das eigene Selbst als ? ver?dert? wahrgenommen. Seelische Vorg?ge, Wahrnehmungen, Gedanken, Gef?le, Handlungen werden nicht mehr als zum Ich, bzw. zum Selbst geh?ig, sondern als fremd, sonderbar, ver?dert erlebt. Das eigene Tun erscheint abgespalten, mechanisch, automatenhaft. H?fig ist der K?per in besonderer Weise einbezogen. Der ganze K?per oder K?perteile werden als unwirklich, als nicht mehr zum K?perselbst zugeh?ig erlebt. Einzelne K?perteile erscheinen ver?dert, viel gr?er/kleiner, viel d?ner/dicker, wie taub, wie tot, wie abgestorben. Die Sinneswahrnehmungen, wie das H?en, das Sehen, das Tast - und Ber?rungsempfinden k?nen gest?t sein, ebenso wie allgemeine K?pergef?le, Appetit, Hunger und Durst." (Eckhardt & Hoffmann, 268) Die AutorInnen beschreiben Depersonalisationen als eine ?/span>berlebensstrategie von sexuellen Missbrauchserlebnissen in der Kindheit und sehen hierin einen m?lichen Zusammenhang zur Selbstverletzung (ebd., 293).

3 Bei der Derealisation wird die Au?nwelt (??re Objekte) als fremd, ver?dert, wie hinter einer Glaswand wahrgenommen. Depersonalisation und Derealisation treten in 50 % der F?le gemeinsam auf." (ebd., 268)

4 Hierauf soll wegen der Spezifizit? nicht weiter eingegangen, sondern auf Fachliteratur verwiesen werden (Neppert).

5 N?ere Ausf?rungen hierzu siehe Neppert.

6 Siehe hierzu May, Angela: Nein ist nicht genug. Ruhnmark, 1997

7 Zur Kritik verschiedener Therapierichtung siehe Neppert

Literatur

Brezowsky, P.: Diagnose und Therapie Selbstverletzenden Verhaltens Stuttgart, 1985

Neppert, Doris: Selbstverletzendes Verhalten bei Frauen. Erkl?ungsans?ze und Konsequenzen F? die soziale Arbeit. Diplomarbeit im Studiengang Sozialwesen an der Fachhochschule Kiel, 1998

DSM - III - R (Diagnostic and statistical manual of mental disorders): Weinheim, 1989

Eckhardt, Annegret & Hoffmann, Sven Olav: Depersonalisation und Selbstbesch?igung. In: Zsch.psychosom. Med., 1993 (9 : 284 - 306)

Eckhardt, Annegret: Im Krieg mit dem K?per Hamburg, 1994

Favazza, Armando R. & Conterio, Karen: Female habitual self-mutilators. In: Acta. Psychiatr.Scand., 1989 (79: 283 - 289)

Gieler, U & Effendy, I & Stangier, U: Kutane Artefakte. In: Z. Hautkr., 1987 (62, 11: 882 - 890)

Gieler, U.: Haut und K?pererleben. In: Br?ler, Elmar (Hg.): K?pererleben Gie?n, 1995

H?sli, Norbert: Automutilation Bern, G?tingen, Toronto, Seattle, 1996

Herpertz, Sabine & Sa? H.: Offene Selbstbesch?igung. In: Nervenarzt, 1994 (65 : 296 - 306)

Hilsenbek, Polina: Autoaggression und Selbstverletzung. In: Folgen der Gewalt - Dokumentation der Vortragsreihe von Donna Klara e.V. Kiel, 1998

Hilsenbek, Polina: Grenzg?gerinnen. In: Bilden, Helga (Hg.in): Frauentherapiehandbuch 2. Auflage M?chen, 1992

Hilsenbek, Polina: Traumatherapie - mit Mut und Achtsamkeit. In: Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V.- Dokumentation der 3.Jahrestagung - Wege aus Ohnmacht und Gewalt, 1996

Himber, Judith: Blood Rituals : Self - cutting in female psychiatric inpatients. In : Psychotherapy,1994 (31: 620 - 630)

Hirsch, M.: Zur Psychodynamik selbstdestruktiven K?peragierens - Selbstbesch?igung als psychosomatisches Modell. In : Fundamenta Psychiat., 1993 (7 : 72 - 76)

Holitzner, Wolfgang Volker: Zur Dynamik spezieller Formen von Selbstbesch?igung. In: Zsch.psychosom.Med., 1993 (39 : 319 - 332)

Janus, Ludwig: Pers?lichkeitsstruktur und Psychodynamik bei dermatologischen Artefakten in: Zschr.Psychosom.Med., 1972 (18 : 21 - 28)

Kernberg, O.F.: Borderline - St?ungen und pathologischer Narzismus 6. Auflage Frankfurt/Main, 1991

M?ler, H. J. & Praag (Hg.): Aggression und Autoaggression

Paar, Gerhard H.: Offene und heimliche Selbstbesch?igung: Diagnostik, Klinik und Therapie. In: Wenglein & Hellwig & Schoof (Hg.Innen): Selbstvernichtung, Z?ich, 1996

Resch, F. & Karwautz, A. & Schuch, B. & Lang, E.: Kann Selbstverletzung als s?htiges Verhalten bei Jugendlichen angesehen werden? In: Z.Kinder-Jugendpsychiat,1993 (21 : 253 - 259)

Sachsse, Ulrich: Selbstbesch?igung als SelbstF? sorge. In: Forum Psychoanalyt., 1987 (3 : 51 - 70)

Sachsse, Ulrich: "Blut tut gut" - Genese, Psychodynamik und Psychotherapie offener Selbstbesch?igungen der Haut. In: Hirsch, M. (Hg.) : Der eigene K?per als Objekt Berlin, Heidelberg, New York, 1989

Sachsse, Ulrich: Selbstverletzendes Verhalten G?tingen, 1995a

Sachsse, U.: Die Psychodynamik der Borderlinepers?lichkeitsst?ung als Traumafolge. In: Forum Psychoanal. 1995b (11 : 50 - 61)

Streeck - Fischer, Annette: Grenzg?ger - Zum Umgang mit selbst- und fremddestruktiven Verhalten in der station?en Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. In: Prax.Kinderpsychol.Kinderpsychiat. 1991 (40: 105-112)

Tameling, Annegret & Sachsse, Ulrich: Symptomkomlex, Traumapr?alenz und K?perbild von psychisch Kranken mit selbstverletzendem Verhalten in : Psychother.Psychosom.med.Psychol. 1996 (46 : 61- 67)

Tantam, Digby & Whittaker, Jane: Personality disorder and self ? wounding. In: Br. J.Psychiatr., 1992 (161 : 451 - 464)

T?ne, J. v.: Zur ?iologie der Automutilation im Kindes- und Jugendalter. In: Z.Kinder-Jugendpsychiat. 1974 (2 : 261 - 278)

V?kel,: Langfristige psychische und physische Auswirkungen des sexuellen Mi?rauchs - Notwendigkeit und M?lichkeiten der Verarbeitung. In: Backe & Leick & Merrick & Michelsen: Sexueller Missbrauch von Kindern in Familien K?n, 1986

Wewetzer, G & Friese, HJ & Warnke, A: Zur Problematik offenen Selbstverletzenden Verhaltens unter besonderer Ber?ksichtigung der Kinder - und Jugendpsychiatrie. In: Z.Kind.Jugendpsychiat. 1997 (25 : 95 - 105)

Wirtz, Ursula: Seelenmord. Inzest und Therapie. Stuttgart. 2001.

_______________________________________

Selbstverletzendes Verhalten im Internet

Die folgenden Informationen wurden dem ?Deprinet? entnommen http://www.depri.net/links/svv/index2.htm.

Rote Tr?en: http://www.rotetraenen.de.
Diese Seite soll Betroffenen die M?lichkeit geben, sich mit anderen auszutauschen, sowie Angeh?igen und Freunden helfen zu verstehen.

SVV Community: htp://www.svv--community.net. Seite F? Betroffene und Angeh?ige von Menschen mit selbstverletzendem Verhalten. Community zum Austausch mit Chat, Foren, Erfahrungsberichten, Hilfen, usw.

Felicity's World: http://www.felicitys-world.de Borderline-Syndrom und SVV aus der Sicht einer Betroffenen.

SVV, Borderline, E?t?ungen... ein Weg den DU nicht alleine gehen musst!:
http://www.etrippchen.de/svv/svv.htm
Eine HP zu SVV, Borderline, Esst?ungen.. mit Informationen F? Angeh?ige und F? Betroffene, die sich outen wollen.

www.mondstein-web.de: http://www.mondstein-web.de.

Selbst Verletzendes Verhalten: http://www.andritsch.at/psychiatrie/SVV/index.htm. Infos ?er SVV. Besonderheiten: Wie kann man SVV stoppen und Anregungen F? Helfer.

Der Weg ist das Ziel...: http://www.beepage.deGeschichte einer ?erlebenden. Essst?ung, Borderline-St?ung, SSV, Kontaktecke, Gedichte Betroffener, Sorgenforum, ...

Under Pressure - eine Seite zu SVV: http://mitglied.lycos.de/UnderPressure. Mit umfangreichen Infos zum Thema SSV, pers?lichen Erfahrungen, umfangreicher Linkliste und gut besuchtem Forum.

Rote Linien: http://www.rotelinien.de. Kontakt- und Informationsforum F? SVV-Angeh?ige. Die Rote Linien-Homepage bietet vielf?tige Informationen zum Thema Selbstverletzung, Tipps und Hilfe-Links. Zum Erfahrungsaustausch der User untereinander stehen Forum, Chat und e-Mail zur Verf?ung.

Selbstaggression: http://www.selbstaggression.de. Sch?e Seite mit Infos ?er SVV, Depression, Borderline, Essst?ungen, Therapie und Selbsthilfe, Tagebuch, Erfahrungsberichten, betroffenes Umfeld, Entspannungshilfen, Forum und Chat.

versteckte scham: http://www.versteckte-scham.de. informations- und austauschseite zum thema Selbstverletzendes Verhalten

Weg durchs Chaos: http://mosaic.here.de.
Eine Seite mit Infos ?er Selbstverletzung und Depersonalisation. Au?rdem Gedichte.

SVV! Angeh?ige- &Betroffenen Erfahrungen: http://www.roterhimmel.de.vu. Diese Homepage soll die Sichtweise zweier Menschen zeigen. Wie sie gemeinsam mit dem Problem SVV umgehen. Welche Schwierigkeiten es gibt und wie man versucht, mit ihnen umzugehen. Aber es gibt auch allgemeine Informationen ?er Svv, Drogen, Therapie.....

this life ain?t worth living: http://www.my-hell.de.vu. Private Homepage ?er SVV, mit vielen Gedichten und Assoziativem Schreiben, Zitaten, usw...

Seelenstriptease: http://hp1.123imweb.de/Sweetie. Eine Seite ?er Depressionen, Therapie, Suizid, Selbstverletzendes Verhalten. Ich berichte ?er meine Gef?le, ?er Hochs und Tiefs, meinen Selbstmordversuch und vieles andere mehr.

Kennen Sie schon das Buch "Verschlossene Seele" ?er Selbstverletzungen von Gabi Lummas? Hier erfahren Sie mehr: www.verla-g-die-jonglerie.de/verschlossene_seele.htm


© Diese Seite gehört zur nternetpräsenz dr Bundesarbeitsgemeinschaft Prävention & Prophylaxe e.V.

Erfahrungen ] Pädagogische Intervention ] Literatur ] Pressebericht ] Verarbeitung ]

Sekten ] Emotionale Gewalt ] Suchtentwicklung ] Sexualerziehung ] [ Selbstverletzung ]

Inhaltsverzeichnis ] Verein ] Sexuelle Gewalt ] Aktuell ] weitere Themen ] Kooperation ] Kontakt ]

Achtung: Aufgrund unerträglicher Belastung durch Spam-Mails haben wir einen Schutz installiert, der gnadenlos alle Werbemails löscht. Falls Sie von uns in angemessener Zeit keine Antwort erhalten, versuchen Sie es bitte auf anderen Kommunikationswegen! Danke für Ihr Verständnis!

http://www.praevention.org, Griembergweg 35, D-12305 Berlin, Phone: +49-30-76503104,  Fax: +49-12120-299745 mail: bag_prae_pro@gmx.de, letzte Aktualisierung am: 29. April 2008